Full Metal Village

Ich meine, sie hat einen guten Blick. Cho Sung-hyung. Unaufgeregt und klar ist ihre Perspektive auf die Bewohner des Dorfes Wacken in Schleswig-Holstein, in dem jährlich das Wacken Open Air Festival stattfindet. Ein Metal Festival. 2006 kam der Film ins Kino, und während ich hier fleißig Wadenwickel wickle, Tablettenschachteln sortiere, Tee einflöße und Wärmflaschen auffülle, habe ich mein Kino eben im November 2007 nachgeholt. Zuhause.
Wacken ist eigentlich auch unaufgeregt. Die Älteren haben sich abgefunden, leben verheiratet oder verwitwet. Resigniert oder aufrecht. Die meisten etwas wehmütig. Und der, dem die Felder gehören, findet sich selbst ziemlich gut. Er steht nach dem Essen auf, auch wenn seine Frau noch nicht fertig ist. Sie beschwert sich leise, lächelt für die Kamera. Er legt sich auf´s Sofa und schläft. Nach dem Festival fährt er mit seinem kleinen Mobil über die Wiesen, wo die Jugendlichen den Müll einsammeln. Er schaut auf seinen Besitz und gibt Anweisungen, fährt kleine Kurven.
Dann gibt es das Mädchen, das mit seiner Freundin in einem kleinen Fitnessraum trainiert. Diättipps kleben sie mit Klebeband an die Wände, sie machen Gymnastik auf zwei Isomatten zu einer Anleitung aus dem Radio. Für den Nationalsozialismus interessiert sie sich, weil ihre Oma von der Flucht erzählt hat damals, da kauft sie sich auch mal Lektüre zu. Mit ihrer Freundin bewirbt sie sich bei einer Modellagentur. Und auf´s Wacken geht sie, weil man so schnell Leute kennenlernt dort. Dass diese vom Satan besessen sind, wie ihre Oma glaubt, denkt sie nicht. Ihre Oma hat auch eine Freundin. Mit der macht sie aber nicht Gymnastik, sondern isst Kuchen und singt im Chor. Da sieht sie dann wieder ein bisschen jung aus, wenn sie singt von Rollschuhen und im regionalen Akzent.
Der Kuhbauer holt seine Frau vor die Kamera, das habe sie sich schon lange gewünscht. Sie stehen nebeneinander, er gibt ihr einen Kuss. Und ganz ruhig zieht er an der Zigarette im Kuhstall, während die kleine Katze aus der Milchkanne trinkt. Aber man stellt doch schon Stühle vor die Häuser, denn bald geht es los. Und alle machen mit. Als Ordner, Platzanweiser oder am Ausschank. Es gibt eine Einweisung vom Wachtmeister aus dem Nachbarort. Manche fahren weg, die Kinder bleiben da.
Und natürlich sind alle aufgeregt, als die meist schwarz gekleideten, oft langhaarigen Fans kommen, aber das ist zu erwarten, das kennt man. Jugendkultur mit Symbolen und Praxen, der Bruch ist ganz nett, als die Wackener Feuerwehr zur Festivaleröffnung mit dem Orchester auffährt. Die Metalheads finden das gut, die Einwohner auch. Man schunkelt zusammen. Und dann gibt es die typischen Bilder vom Festival, Regen, Schlamm, headbangen. Interessant ist jedoch, wie sich dieses Dorf nicht aus der Ruhe bringen lässt, nicht vom Weg ab. Es verändert nichts in deren Leben, alles geht weiter wie vorher, man nimmt es so hin. Und morgen wieder Ernte und Mittagessen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. November 2007 um genau 23:54
Kategorie : Filme | 5 Kommentare