Kratzer rechts außen
Kurz nach dem Aufwachen, vielleicht eine halbe Sekunde danach, irgendwo in der schwarzen Linie auf der Uhr, mittendrin, kann man kurz denken, alles sei wie - immer kann man nicht mehr sagen - vorher. Das ist der Moment, in dem man sich sammeln, die Dinge ordnen muss und die Lage checken, Bettdecke fühlen, Zimmerdecke erkennen, den Ausblick sortieren und in dem man sich kurz wünschen kann, wie alles zu sein hat. Das geht bis zu der Stelle im gleichen schwarzen Strich auf der Uhr, in der die Informationen im Hirn ankommen, die die Augen, die Nase, die Fingerspitzen vorher mühsam und in absoluter Hektik eingesammelt haben. Ohne überhaupt zu fragen.
Von Geburt an machen sie das automatisch und man kann nicht sagen: “So Leute, heute ist Sendepause, wir haben Wandertag, wir bleiben im Ameisenfußballmodus und steigen nicht wieder ein”. Sobald Geruch und die Dinge drumherum samt Geräuschkulisse im Kopf analysiert wurden, verknoten sie sich auf der Stelle mit den Erinnerungen, die nun aufgeschreckt den kleinen roten Punkt ausschalten, auf die Start-Taste drücken, loslegen, ihren Zweck erfüllen. Erinnern.
Die Dinge wieder wissen. Und dann sind die zwei Millimeter Möglichkeit vorbei, dass es vielleicht doch hätte anders sein können. Es gibt diese Leerstelle nur, wenn man aufpasst, wenn man sich traut, manchmal auch, wenn man sie überhaupt nicht brauchen kann. Nach zwei Dritteln auf dem schwarzen Strich schmeckt es für diesen Moment so super, dass es ihm Ohrläppchen kitzeln, ich hab nur geträumt, sicherlich, alles ist gut, sicherlich. Nicht. Das ist dann die Stelle, an der es wieder weiß wird. Sicherlich ist es nie wahr, jedes Mal wieder ist es sogar mehr als die reine Unwahrheit, ein bisschen Hoffnung mit Milch. Und allein das Gefühl danach, “das ist doch bescheuert”, ein bisschen auch Selbsthass, weil es ja naiv wäre, weil wir mit beiden Beinen aufstehen und rumtrompeten müssen, wir sind angekommen in der Realität, wir wollen nie weg, wir sind doch Leute von heute, wer wird sich da erinnern, zackzack und weiter im Text. Aufstehen. Und nicht einmal das funktioniert dann, weil alles ist, wie es gestern abend aufgehört hat. Das ist nun wirklich so. Ohne überhaupt zu fragen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 1. November 2007 um genau 17:30
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