Hinter Glas
Ich bin lange nicht Zug gefahren. Und werde wehmütig. Zwar ist es keine wirklich lange Strecke, aber es reicht für eine Ahnung des Gefühls einer eigenen Zeitzone. Den Kopf im kleinen, hellblauen Kissen scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht, draußen sausen in Rekordtempo Felder, Wiesen, Bäume und Straßen vorbei. Mehr Grün als Grau (das seh ich sonst so selten). Zwei kleine Strände an einem Fluss, riesige Windräder berühren mit ihren Flügeln fast die Scheibe und die Wolken hängen so tief, als wollten sie beim nächsten Windstoß die Baumwipfel anfassen, nur einmal kurz. Ein Kondensstreifen teilt den Himmel in zwei Hälften, die Dame zwei Reihen vor mir erzählt ihrem Telefon, was für einen schönen Platz sie bekommen habe, das sei ja so prima, sie würde das sehr genießen und käme hoffentlich pünktlich, man dürfe sie ruhig abholen. Ich will nicht gleich wieder aussteigen, ich will hier sitzen bleiben, nichts zu lesen haben, keine Musik hören, hin und wieder darf jemand husten, ansonsten dürfen sie gepflegt den Mund halten wie jetzt, ich will nur rausschauen und alles vorbeifliegen sehen und nichts anhalten können, nur mitfahren, nichts tun, nur zugucken, nichts sagen.
Ein zwei Heimaten lassen sich erahnen, wenn sich das Wageninnere in der Scheibe spiegelt und draußen im Dunkeln alle paar Minuten drei vier Lichter auftauchen. Atemholen und wieder runter, wieder weg. Wenn alles glatt läuft, lässt sich keiner der Fahrgäste anmerken, dass er irgendwohin will. Alle scheinen entspannt und in Ruhe eine Reise zu machen, eine kurze Auszeit, das Ziel ist egal, wir sind alle auf dem Weg, gebt mir rechtzeitig ein Zeichen. Alle Geräusche sind gedämpft, es gibt keine lauten Kinder. Mal öffnen jemand eine Flasche, Kleingeld klimpert, jemand setzt sich um, die Fahrkarten bitte. Zum Schlafen legt man sich den Schal in den Nacken und schläft doch nicht, weil es im Kopf genauso laut rauscht wie draußen. Sitzplatzreservierung – nicht nur am Wochenende! Ich will bis nach Hamburg fahren, aussteigen und am Wasser stehen nachts, vielleicht noch durch den Elbtunnel, ein bisschen Wind, es wird ja kalt jetzt, keine Windräder, keine modifizierte Geschwindigkeit, sondern das klare Durcheinander von Salzluft in den Haaren am Ende eines langen Tages. So weit, so gut, so leise. Ich habe längst Sehnsucht. Und die Pause dauert nur 60 Minuten, aber es reicht für eine Ahnung.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Oktober 2007 um genau 21:01
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