4-Stunden-Lektüre
Ich habe in den Tag der deutschen Einheit geheult. Das war keine Absicht, das ist so passiert. Ich wusste es wieder, als wir heute einen Schreibtisch zusammenbauten und es dabei etwas lauter wurde. “Darf man das eigentlich, so rumrummsen, wenn Deutschland ein bisschen Geburtstag hat und Mittwoch wie Sonntag ist?“, fragt S. und schraubt weiter. “Is doch wurscht, sind eh alle draußen und sammeln Blätter vom Boden“, sage ich, reiße die Fenster auf und schraube mit. Der Grund für das klatschnasse Kopfkissen guckte uns dabei zu. Und als eine Schraube weiter kullerte als geplant, fiel es mir ein.
363 Seiten waren es, ich hatte vielleicht ein Viertel davon gestern gelesen. Müde vom Arbeiten schlief S. noch vor Mitternacht ein, ich nahm das Buch zur Hand und legte es bis halb vier nicht mehr weg. Rotz und Wasser. Ein Buch hat das bisher geschafft bei mir, nur eines. Und das auch nicht in diesem Maße und schon vor ein paar Jahren, nicht alle zehn Seiten erneut. “Nicht so laut hochziehen, leise umblättern, nicht bewegen, ruhig atmen.” Vorsätze, damit S. kein verrotztes, rotäugiges Mädchen neben sich entdeckt, wenn er aufwacht mitten in der Nacht. Aber er wachte nicht auf, ich ging ins Bad zum Naseputzen und beschloss, nie nie nie wieder solche Dampfhammerbücher vor dem Einschlafen zu lesen. Nichts von den erhofften Reaktionen traf ein: Ruhe, Müdigkeit, Augenzufallerei. Stattdessen: Rotznase, Aufgewühlung, “Was wäre, wenn”-Gedanken.
In der Nachtrealität denken, man habe damals keinen Abschied gehabt. Am Morgen froh sein, dass ihm all diese in der Geschichte beschriebenen Prozeduren und Qualen erspart blieben. Das war keine Absicht, das ist so passiert.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Oktober 2007 um genau 17:32
Kategorie : Lektüre | 13 Kommentare