Kleine Lichter leuchteten an den Rängen, vier Männer auf der Bühne im Admiralspalast. Vorher ein Gewusel aus bekannten Gesichtern der Berliner Nächte, ein paar aus der Uni, ein paar unbekannte, aber doch alle aus derselben Schublade, hier und da ältere Herrschaften, ansonsten Indievolk mit roten Wangen und kalten Händen. Nach einer schrecklichen Ansage eines mir unbekannten Menschen mit Mikrofon saßen sie dann auf der Bühne, vier Männer, und alles wurde still. Sigúr Ros präsentierten ihren Film “Heima”, der ihre letzten Konzerte in Island dokumentiert, die sie 2006 nach ihrer Welttournee gegeben haben.
Selbst ein Husten, das sich in die Töne mischt, klingt nach einer Entschuldigung. Alle atmen so leise wie möglich, Augen leuchten im Gegenlicht, Hände suchen einander und der, der allein ist, schließt die Augen oder zumindest das, was dahinter ist. Drei Livestücke spielen sie, dann beginnt der Film, der gestochen scharfe Bilder auf die Leinwand und sehnsüchtige Mimik in die Gesichter der Zuschauer wirfst. Hast du jemand soviele rote Drachen an einem blauen Himmel gesehen? Jeder Ort der zweiwöchigen Tour bekam ein Lied im Film, irgendwo auf den weiten Flächen der Insel, in einer still gelegten Fabrik oder einem winzigen Haus, wo ihnen alte Frauen mit ihren klirrenden Kaffeetassen zuhören. Und dazwischen - man sieht, außerordentlich spendabel subventioniert - Gesichter des Landes eingestreut, Charaktere, Eindrücke und Farbverläufe.
Wirst du nächstes Mal die Augen öffnen, wenn du auf einer Wiese liegst? Und wirst du dich erinnern an die Halme und die ausgedünnten und trotzdem satten Farben? Struktur liegt dem zugrunde, obwohl es auf den ersten Ton und auf den ersten Blick nicht zu schaffen scheint, man verliert sich ja doch und mittendrin glaube ich, es gibt nichts besseres, als von einem Konzert in einem Raum von Menschen ganz weit weg zu kommen. Raus. Und dass es nichts größeres gibt, als wenn es jemand schafft, die Flecken sichtbar zu machen, Schattierungen und dünnen Oberflächen. Man braucht sie nicht zu berühren, es tut schon weh, wenn man weiß, wo sie sind. Und Sigur Rós haben hier ein Bild von sich vorgestellt, das unsicher, aber in dieser Unsicherheit unglaublich souverän ist. Eine Selbstinszenierung, die ein Schauspiel ist, weil wir uns soetwas nicht vorstellen können, weil wir sowas hier nicht haben. Nicht soviel schroffen Platz, der bespielt oder einfach nur in Ruhe gelassen werden kann.
Der Film zeigt Landschaften, Nahbilder, Menschen und Musik. Der Film scheint ein bisschen in jeden hineinzuschauen, der da gestern gebannt nach vorne starrte. Abgründe, Tiefen, Sehnsüchte und Ängste, woher kommt diese Falte und hast du mich wirklich angesehen, alle kleinen Verletzungen, die man so mit sich trägt und die irgendwann dazu gehören in grün und blau, in Stein und Haut, wirre Haare wie Gras und Meer wie die Stimmen ineinander, wenn man nicht mehr weiß, wer was genau gesagt hat. Nach Hause kommen und trotzdem weit weg sein. In der Ferne wissen, dass man daheim ist. Und sich jeden Tag wieder auf eine Bühne stellen und versuchen, ehrlich zu sein. Das machen, was man können muss, weil es einem alles bedeutet. Das machen, bei dem es nicht darauf ankommt, wieviele zuhören, weil man gar nicht anders kann. Das tun, bei dem man immer irgendwie allein sein wird. Niemand hört das so wie du. Niemand sieht dich wirklich. “Heima” ist eine Ode an das Innere, an die Wortlosigkeit. Am Ende gingen alle raus in die Nacht, die Bahnen fuhren wie immer, aber wir sprachen leise. Mit roten Wangen.