
Der eine im Flur grinst und erzählt nebenbei von seiner Zeit damals in Neuseeland, J. lacht nervös mit dem Weinglas in der einen und der Flasche in der anderen Hand. Seine Augen schlittern hin und her, keine Raufaser fängt den Blick, die Finger klimpern am Glas. Und das Mädchen steht neben dem einen, zieht sich ihre bunte Kapuze noch ein bisschen tiefer ins Gesicht und grinst, sagt aber nichts und lehnt sich an die Wand. Jeansstoff neben aufgemalten Rosen. “Mein Blog ist aus Papier”, sagt J., M. lacht und sie verstricken sich in halbwitzige Ausführungen zu Tagebüchern, zu Dokumentation im Netz und PDFs. Und dieser Typ und das Mädchen stehen da, schon in Jacke und Mütze, mit Schal und Schuhen, und keiner weiß, was zu sagen ist. Keiner weiß, wie es geht.
“Es ist ein Abschied und wir reden nur über 2MB”, sagt J. und nimmt noch einen Schluck, aber das Glas ist schon leer. Das Licht ist gelborange, der Teppich grün, die Wangen blass. Wir werden rausgehen und noch eine Weile an der Ecke stehen, uns werden ein paar bekannte Gesichter über den Weg laufen und wir werden versuchen, den Rücken durchzudrücken. Uns hin und wieder die Wangen tätscheln. Der Farbe wegen. Aspirin in der Nachttischschublade, mehr brauchen wir nicht, sagen wir. Es wird auf Schultern geklopft, beglückwünscht und mindestens ein Besuch versprochen. Keiner sagt: Bleib doch hier.
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. Oktober 2007 um genau 13:17
Kategorie : Blicke | 3 Kommentare
Kleine Lichter leuchteten an den Rängen, vier Männer auf der Bühne im Admiralspalast. Vorher ein Gewusel aus bekannten Gesichtern der Berliner Nächte, ein paar aus der Uni, ein paar unbekannte, aber doch alle aus derselben Schublade, hier und da ältere Herrschaften, ansonsten Indievolk mit roten Wangen und kalten Händen. Nach einer schrecklichen Ansage eines mir unbekannten Menschen mit Mikrofon saßen sie dann auf der Bühne, vier Männer, und alles wurde still. Sigúr Ros präsentierten ihren Film “Heima”, der ihre letzten Konzerte in Island dokumentiert, die sie 2006 nach ihrer Welttournee gegeben haben.
Selbst ein Husten, das sich in die Töne mischt, klingt nach einer Entschuldigung. Alle atmen so leise wie möglich, Augen leuchten im Gegenlicht, Hände suchen einander und der, der allein ist, schließt die Augen oder zumindest das, was dahinter ist. Drei Livestücke spielen sie, dann beginnt der Film, der gestochen scharfe Bilder auf die Leinwand und sehnsüchtige Mimik in die Gesichter der Zuschauer wirfst. Hast du jemand soviele rote Drachen an einem blauen Himmel gesehen? Jeder Ort der zweiwöchigen Tour bekam ein Lied im Film, irgendwo auf den weiten Flächen der Insel, in einer still gelegten Fabrik oder einem winzigen Haus, wo ihnen alte Frauen mit ihren klirrenden Kaffeetassen zuhören. Und dazwischen - man sieht, außerordentlich spendabel subventioniert - Gesichter des Landes eingestreut, Charaktere, Eindrücke und Farbverläufe.
Wirst du nächstes Mal die Augen öffnen, wenn du auf einer Wiese liegst? Und wirst du dich erinnern an die Halme und die ausgedünnten und trotzdem satten Farben? Struktur liegt dem zugrunde, obwohl es auf den ersten Ton und auf den ersten Blick nicht zu schaffen scheint, man verliert sich ja doch und mittendrin glaube ich, es gibt nichts besseres, als von einem Konzert in einem Raum von Menschen ganz weit weg zu kommen. Raus. Und dass es nichts größeres gibt, als wenn es jemand schafft, die Flecken sichtbar zu machen, Schattierungen und dünnen Oberflächen. Man braucht sie nicht zu berühren, es tut schon weh, wenn man weiß, wo sie sind. Und Sigur Rós haben hier ein Bild von sich vorgestellt, das unsicher, aber in dieser Unsicherheit unglaublich souverän ist. Eine Selbstinszenierung, die ein Schauspiel ist, weil wir uns soetwas nicht vorstellen können, weil wir sowas hier nicht haben. Nicht soviel schroffen Platz, der bespielt oder einfach nur in Ruhe gelassen werden kann.
Der Film zeigt Landschaften, Nahbilder, Menschen und Musik. Der Film scheint ein bisschen in jeden hineinzuschauen, der da gestern gebannt nach vorne starrte. Abgründe, Tiefen, Sehnsüchte und Ängste, woher kommt diese Falte und hast du mich wirklich angesehen, alle kleinen Verletzungen, die man so mit sich trägt und die irgendwann dazu gehören in grün und blau, in Stein und Haut, wirre Haare wie Gras und Meer wie die Stimmen ineinander, wenn man nicht mehr weiß, wer was genau gesagt hat. Nach Hause kommen und trotzdem weit weg sein. In der Ferne wissen, dass man daheim ist. Und sich jeden Tag wieder auf eine Bühne stellen und versuchen, ehrlich zu sein. Das machen, was man können muss, weil es einem alles bedeutet. Das machen, bei dem es nicht darauf ankommt, wieviele zuhören, weil man gar nicht anders kann. Das tun, bei dem man immer irgendwie allein sein wird. Niemand hört das so wie du. Niemand sieht dich wirklich. “Heima” ist eine Ode an das Innere, an die Wortlosigkeit. Am Ende gingen alle raus in die Nacht, die Bahnen fuhren wie immer, aber wir sprachen leise. Mit roten Wangen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 22. Oktober 2007 um genau 9:44
Kategorie : Ton | 8 Kommentare
Ich bin lange nicht Zug gefahren. Und werde wehmütig. Zwar ist es keine wirklich lange Strecke, aber es reicht für eine Ahnung des Gefühls einer eigenen Zeitzone. Den Kopf im kleinen, hellblauen Kissen scheint mir die Sonne direkt ins Gesicht, draußen sausen in Rekordtempo Felder, Wiesen, Bäume und Straßen vorbei. Mehr Grün als Grau (das seh ich sonst so selten). Zwei kleine Strände an einem Fluss, riesige Windräder berühren mit ihren Flügeln fast die Scheibe und die Wolken hängen so tief, als wollten sie beim nächsten Windstoß die Baumwipfel anfassen, nur einmal kurz. Ein Kondensstreifen teilt den Himmel in zwei Hälften, die Dame zwei Reihen vor mir erzählt ihrem Telefon, was für einen schönen Platz sie bekommen habe, das sei ja so prima, sie würde das sehr genießen und käme hoffentlich pünktlich, man dürfe sie ruhig abholen. Ich will nicht gleich wieder aussteigen, ich will hier sitzen bleiben, nichts zu lesen haben, keine Musik hören, hin und wieder darf jemand husten, ansonsten dürfen sie gepflegt den Mund halten wie jetzt, ich will nur rausschauen und alles vorbeifliegen sehen und nichts anhalten können, nur mitfahren, nichts tun, nur zugucken, nichts sagen.
Ein zwei Heimaten lassen sich erahnen, wenn sich das Wageninnere in der Scheibe spiegelt und draußen im Dunkeln alle paar Minuten drei vier Lichter auftauchen. Atemholen und wieder runter, wieder weg. Wenn alles glatt läuft, lässt sich keiner der Fahrgäste anmerken, dass er irgendwohin will. Alle scheinen entspannt und in Ruhe eine Reise zu machen, eine kurze Auszeit, das Ziel ist egal, wir sind alle auf dem Weg, gebt mir rechtzeitig ein Zeichen. Alle Geräusche sind gedämpft, es gibt keine lauten Kinder. Mal öffnen jemand eine Flasche, Kleingeld klimpert, jemand setzt sich um, die Fahrkarten bitte. Zum Schlafen legt man sich den Schal in den Nacken und schläft doch nicht, weil es im Kopf genauso laut rauscht wie draußen. Sitzplatzreservierung – nicht nur am Wochenende! Ich will bis nach Hamburg fahren, aussteigen und am Wasser stehen nachts, vielleicht noch durch den Elbtunnel, ein bisschen Wind, es wird ja kalt jetzt, keine Windräder, keine modifizierte Geschwindigkeit, sondern das klare Durcheinander von Salzluft in den Haaren am Ende eines langen Tages. So weit, so gut, so leise. Ich habe längst Sehnsucht. Und die Pause dauert nur 60 Minuten, aber es reicht für eine Ahnung.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Oktober 2007 um genau 21:01
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

Sie hatten geschwiegen. Sie hatten so lange geschwiegen, dass sie angefangen hatten in Gedanken mit sich selbst zu sprechen. Kleine dumme Worte gegen die Schädeldecke, dass er trinkt, dass sie mit anderen schläft, dass er nie etwas ernst meint, dass sie ihn vergisst. Sie haben sich umgedreht, mit dem Rücken zur Wand, um die Bilder des anderen dort nicht mehr zu sehen. Den anderen ins Gesicht gelacht, laut und überschwänglich und mit so offenen Armen, dass der Rücken weh tat. Hin und wieder war ein guter Mensch dabei, einer, dem das ständige Seufzen egal war. Mit anderen sprachen sie viel, sich selbst wollten sie nichts mehr zu sagen haben. Und der Meeresspiegel stieg mit jedem Regen, mit jeder Morgendusche, mit jedem aus Unachtsamkeit verschütteten Kaffee, mit jedem von der Dachrinne fallenden Eiszapfen.
Man besann sich auf vieles. Die fallenden Blätter, die Weihnachtszeit, die neuen Knospen, den nicht kommen wollenden Sommer, man tanzte sich um Kopf und Kragen, um Zeh und Ferse, um die eigene Achse bis hin zu dem Gesicht in der Zeitung. Sie wischten sich den Schweiß aus der Stirn, irgendwann sogar wieder in der gleichen Stadt und in der einen Nacht von Montag auf Dienstag sagte er Hallo und ihren Namen. Und sie sagte Hallo und seinen Namen und dann tanzten sie weiter, die Hand zwischen dem Menschen in einer dem Gegenüber unbekannten Hand, irgendwo zwischen Röhrenjeans und Schweißbändern verhakelt. Es war so schwer nicht gewesen. Und am Morgen nahm sie mit Bieratem und Schweißhänden die zusammengefalteten Worte aus der Schachtel im Schrank. Und er schloß die alte Festplatte zum ersten Mal seit langem wieder an den Rechner. Es ging ganz leicht und man brauchte keine Stimme dafür, keinen Laut.
Zum zweiten Mal nach dem kilometerlangen Schweigen blieben die Blätter nun an den Fassaden hängen, ließen sich in die Lücken der Motorhauben wehen, klebten in den Lüftungsschächten der Keller. Emma hat die Schachtel ins Regal gestellt, ein zwei Dinge wieder glattgestrichen, Luft hineingelassen, sich gefreut. Und Jonas hat die Bilder kopiert, in den Photoladen geschickt und ausdrucken lassen, nicht bis zuhause gewartet, um sie anzuschauen. Niemand brauchte den anderen anrufen, die Zeit war gut, um sich wiederzusehen, und sie, wie man sie nannte, genau die richtige. Die mit den Übergängen von warm zu kalt, von Nackenhaar zu Wollfussel. Die zwischen Euphorie und Melancholie, Reste der letzten Monate, Erinnerungen der Jahre zuvor und Pläne auf Papier für all das, was kommt. Es war die richtige Zeit, um zu beschließen, sich nicht zu vergessen. Den Stolz abzulegen, der sie daran gehindert hatte, sich immer noch etwas zu bedeuten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Oktober 2007 um genau 0:39
Kategorie : Emma und Jonas | 0 Kommentare
Ein kantiges Gesicht hat er, so wie ich es mag. Aalglatt ist was anderes. Er weiß sich zu benehmen, liegt mir zwar zu, aber nicht unter den Füßen. Er strahlt mich an, aber blendet nicht. Er schreit nicht, aber macht klar, was er will. Er muckt nicht, aber hat seine eigene Ordnung. Er ist organisiert, aber nicht unterwürfig. Und Wege eröffnet er mir, die mit dem alten nicht einmal phantasiert worden wären. Was da alles möglich ist, wage ich kaum zu probieren. Dunkler Typ, schneidige Figur, eigensinnig und mit Elan bei der Sache. Wir lernen uns kennen, wir finden uns gut, wir verstehen uns.
Er soll bleiben, er soll sehen, wie es sich mit mir so lebt, er soll mitkommen und mit mir reisen, er soll hören, was ich ihm zu sagen habe und sehen, was ich schreiben muss. Staub und Getränke mag er nicht, damit muss ich leben, Krümel findet er abscheulich und manchmal braucht er ein bisschen Zeit für sich zum Auftanken. Aber ich war mit dem Alten so kompromisserprobt, dass das hier Ferien sind. Die Erinnerungen modifizieren wir noch, ein bisschen was von früher nehmen wir mit, das macht man ja so. Aber ansonsten sind wir frisch verliebt, absolut euphorisch und intensivst bei der Sache, ein ziemlich gutes Team zu werden. Und dieses zuverlässige Charaktergesicht interessiert es überhaupt nicht, wieviele Wirsehenallegleichaus-Stylos um ihn herum turteln. Und mich auch nicht.
Denn: Er hat auch wieder eine N-Taste.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Oktober 2007 um genau 10:27
Kategorie : Fundstücke | 9 Kommentare

Wie du mich küsst mitten in der Nacht auf dem Mittelstreifen mit deinen kalten Händen am Rand des Pullovers. Und wie sie schauen aus der hellen Bahn heraus mit den umrandeten Augen und hochgezogenen Kragen. Wie sich die Bäume über uns langsam lichten und wie ich dann deine Nase in meinem Nacken finde. Wie sich die Lieder noch einmal nach uns umdrehen, weil wir sie grüßen.
Kaum einer weiß, wie es heißt, was da in der Nacht an der Kreuzung mit den beiden passiert, während die Autofahrer noch einmal tanken und selbst erschrecken, wenn sie die Türen mit letzter Kraft zuschlagen. Und nebenan stehen sie und necken sich, lachen laut und flüstern und sehen sich so an, dass man von fern das Weiß in ihren Augen erkennen kann, und sind sich nah wie nach einer Geburt. Als hätten sie die Chance auf einen neuen Namen.
Und ich kann mich nur anlehnen bei dir, bekomme Schluckauf von dir, ich kann nur hier ganz allein meine Haustür finden, mein Namensschild mit deinem Füllfederhalter gemalt, du weißt doch ganz genau, was ich morgens am liebsten hab, und fängst die fallenden Blätter der Blumen auf meinem Balkon im Gehen ein und steckst sie dir in die Brusttasche. Ich brauche mich nicht fragen, was mit mir passiert, falls du dich auflöst oder dich mir entfremdest, ich brauche keinen Gedanken daran zu verschwenden, denn du hast keine Geschwister, keine Onkel und Tanten, du hast nur dich selbst und ich hab nur dich und sonst nichts, Berlin.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. Oktober 2007 um genau 21:37
Kategorie : Berlin | 7 Kommentare
“Das Leben ist für ihn ein aufregendes Drama voller Emotionalität”. Hihi.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Oktober 2007 um genau 12:08
Kategorie : Fundstücke | 4 Kommentare
Vorne an der Kreuzung hält er sein Kind an der Hand, die Finger fest umklammert, einen Zipfel des Wollpullovers noch mit dazu. Und die Augen, deren Blicke alles zerschmettern und einsaugen, kennen nur ihn, kennen nur das Heute, selten das Gestern und haben vom Morgen nicht den geringsten Schimmer. Und er erklärt ihm das System: “Nach rechts, das ist da, wo der Daumen links ist. Dann nach links, das ist die andere Richtung. Und wenn dann nichts kommt, kein Auto, kein Fahrrad, noch einmal nach rechts”. Ihm ist es egal, ob das Anhängsel der Hand mit dem Wollpulli ihn versteht, er sagt es mehr noch für sich selbst, vergiss nicht zu schauen, da wartet am Abend jemand auf dich. Verlier den Strauß bunter Blätter nicht, sonst heult einer. Bring Saft mit und komm pünktlich, sonst ist es vorbei.
An seiner Hand werden die Haare grau, von den Bäumen fallen Blätter in Herbsttönen, ohne ein Geräusch zu machen. Im Winter wird es knacken, im Sommer wird geschrien, der Herbst schleicht sich leise in die Betten. Wie das mit dem Frühling war, hat er vergessen, aber das weiß er noch nicht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Oktober 2007 um genau 0:53
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare
Nachdem seit Anfang dieser Woche der Supermarkt vor den Kassen wieder mit blauen Kartons zugestellt ist, auf denen Schneeflocken glitzern, und es überall nur so von Silberfolie glänzt, obwohl erst Oktober und mit Schnee wohl ernsthaft erst wieder im April zu rechnen wäre, rutschte der Sommer schon ein paar Schritte von mir. Seitdem heute morgen jedoch mehrere Exemplare der “Gold Collection” druckfrisch im Briefkasten lagen, ist er endgültig vorbei.
(Die Euphorie zeigt sich von schwindenden Sommergefühlen allerdings völlig unbeeindruckt und wackelt weiter lässig mit den Hüften.)
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Oktober 2007 um genau 14:48
Kategorie : Lektüre | 0 Kommentare
Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Oktober 2007 um genau 19:55
Kategorie : Moi | 7 Kommentare