Durchsichtige Arbeit

Das Büro, in dem ich zur Zeit die Tage verbringe, ist zu drei Seiten einsehbar und aus Glas. Wenn man sich so setzt, dass man die Wand im Rücken hat, kann man zu allen Seiten rausgucken. Rechts das rote Hotel und der gepflasterte Hof, links das rote Backsteinhaus und der dazugehörige Parkplatz. Und wenn man den Kopf in diese Richtung noch weiter dreht, erhascht man vielleicht zwei drei Spreewellen. Nach vorne raus gibt es dann Zug- und S-Bahn-Schnipsel, leicht verdeckt durch auf dem Mittelstreifen stehendes Grünzeug. Davor noch vier Spuren Straße. Fußgänger gibt es auf diesem Abschnitt eher spärlich, aber wenn dann meist touristischer Natur und durchaus amüsant anzusehen. Ich gucke die ganze Zeit raus, beim Überlegen, beim Reden, beim Telefonieren, beim Schreiben (ja, ich kann tippen, ohne die ganze Zeit auf Bildschirm oder Hände schauen zu müssen), beim Essen und beim Auf-Zettel-Gucken-Die-An-Die-Fenster-Geklebt-Sind.

Rein schaut aber fast niemand. Mag an der geringen Passantendichte liegen. Aber ich weiß, wie ich manchmal in der Uni sitze, mein Blick in das Bürohaus auf der anderen Straßenseite schweift und ich immer wieder Krawattenträger dabei ertappe, uns gebannt beim Zuhören zuzuschauen. Die stehen dann da und wenn man sie erwischt, versuchen sie, so zu tun, als würden sie gerade die Scheibe putzen, auf den Bürgersteig schauen, sich die Haare in der Spiegelung des Fensterglases zurechtrücken oder einfach nur verträumt am Fensterbrett rumstehen. Wenn sie es überhaupt merken. Hier aber guckt niemand (oder bekomme ich es nur nicht mit?). Und ich kann in Ruhe den Touristen beim Sich-Verlaufen zugucken, den Bauarbeitern beim Trotten, den Autofahrern beim Fluchen, wenn die Ampel zu lang auf Rot steht, den Bäumen beim Äste hängenlassen. Ich sehe sie alle! Nur das Wasser nicht. Das ahne ich nur über den Parkplatz hinweg. Hinten am Bahnhof die Krähne auf dem Weiß des Himmels. Man kriegt alles mit, aber niemand sieht es. Und wenn man will, kann man sogar hohe Außentemperaturen komplett umgehen. Aber die gibt´s ja eh nicht (oder ich verpasse sie nur).

(Heute übrigens schon zweimal Autos mit Polizeischutzkonsorte. Irgendwas ist los da draußen. Aber das geht mich hier nix an.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 2. August 2007 um genau 12:56
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 Wir bauen uns einen Sommer

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An den Büschen neben den Schienen wachsen Brombeeren, die keiner pflückt. Und ohne Unterlass tragen die Touristen Regencapes mit Sandalen, die Socken haben sie im Rucksack für die Abendstunden, weil es dann noch kühler wird. Am Wochenende spielt man Völkerball, um dem Sommer nicht ganz abhanden zu kommen. Und Mittagspause wird immer dann gemacht, wenn die Sonne rausguckt. Am Abend sammeln wir die Sinne zusammen, um in der Nacht tief und fest schlafen zu können und nicht an das Vermissen zu denken. Morgens dann halten wir uns an den Händen fest bis zur Haltestelle, wo die anderen warten, die irgendwohin müssen. In der Bahn halten alle nur Stangen und schauen sich auf die Zehen. Wie die Touristen. Wir legen die Hand an die Stirn und tun, als sei es das gleißende Licht, das uns stört. Dabei ist es nur Regen. Die Beziehungen ziehen wir runter auf Geschäftsniveau. Für den Rest braucht es die richtige Temperatur.

Der Kaffee geht trotzdem gut weg, wir brechen ja nicht gleich mit Traditionen. Die Schirme halten bis zum nächsten Jahr. Und die Löffel waschen wir ab. Manchmal sitzen wir abends am Fluß und fragen uns, wo eigentlich die vielen Blätter sind, die die Bäume die ganze Zeit verlieren. Aber mittags, wenn die Bedienung noch weiß, was wir wie essen, dann erinnern wir uns daran, wie es früher war. Und reden dabei über die Zukunft, während es doch ganz gemütlich findet mit uns. Wir setzen uns in den Schatten dann, machen eine lange Nase und vergessen den Rest des Jahres und alle Tage dazu, scheißegal, was das Wetter macht. Wir wissen, was wir an uns haben. Und fallen in der Bahn nicht um. Alle Kekse zum Kaffee auf einmal in den Mund. Und mit vollen Backen den Falten entgegen. Mit Volldampf in die Schmiede mit Plänen. Nie so werden, wie die anderen mit den endlosen Arroganzen und Striemen im Gesicht, niemals.

Liz hat es verfasst, und zwar am 1. August 2007 um genau 18:31
Kategorie : Berlin, Wir | 1 Kommentare


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