Das liegt auf der Hand
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, es still und ruhig zu Ende gehen zu lassen, den Mund zu halten, die Augen zu schließen und auf die Dinge zu warten, die da noch kommen oder eben nicht. Es einfach ausklingen zu lassen. Und dann war ich doch irgendwie überwältigt und verwirrt von den Gefühlen und Gesprächen, die sich da auf den verschiedenen Ebenen ergeben haben darüber, was wir denn jetzt mitnehmen davon und was daraus jetzt wird, wenn wir sagen, jetzt ist es vorüber.
War ich doch oft verwirrt von den verschiedenen Menschentypen, die dann doch dort waren. Und von den teilweise wahnsinnig unterschiedlichen Stimmungen an den einzelnen Veranstaltungsorten. Es fühlt sich seltsam an, jetzt wahrscheinlich nicht mehr tausende Mails am Tag zu bekommen, die Kommunikation wieder zurückzufahren, denn das Postulat “Alles an alle” wurde bis zum Schluss angestrengt durchgehalten. Es ist sonderbar, in ein paar Stunden, all die Sachen wieder aus diesem Haus zu tragen, die Orte in eine neutrale Zone umzuwandeln und die Verwandlung des Hauses wieder rückgängig zu machen. Es so zu hinterlassen, wie es war.
Und ich kam mir wie ein Alien vor manchmal zwischen diesen ganzen Menschen, all diesen Trauben, kleinen Haufen und Einzelpunkten, teilweise völlig überfrachtet und überfordert damit, die Leute einzuordnen in den Dingen, die sie sich von diesen drei Tagen versprochen oder erwartet haben, was sie draus machten oder eben nicht. Positiv überrascht war ich von Vorträgen und Worten und Gesprächen, aber eben auch enttäuscht von Attitüden und Luftblasen. Und wie J. so schön sagte, “man darf seine eigenen Momente dabei nicht vergessen“. Weil es ja eigentlich egal ist, ob da hinter dir vor der Bühne zehn oder zehntausend stehen, wenn nur das richtige Lied kommt.
Ich hab meine Momente eindeutig in der Faust (”Creditcards & Trains” von Sir Simon Battle, das imaginäre Streaming der irren Funkgerät-Kommunikation, die Tore am Kicker, Walzer tanzen mit Lars in der leeren Halle, der erleichterte Blick von Anja vor dem BestOfFilm, dass Martin seinen Mund nie hält, der Sonnenaufgang Samstagmorgen und Ampl:tude, “Das Zelt”, das Gespräch mit Thomas über Kinder und Eltern, Sylvies immergutes Lächeln, meine “Lieblingsboyband” und das, was nach der letzten SMS von Jörn noch kam). Ich bereue nichts. Aber ich will es auch immer wieder anders machen.
Denn ich verstehe gerade eben solche Leute nicht, wie sie sich manchmal bei der Abschlussveranstaltung zu Wort meldeten und sagten, sie würden sich so alleine fühlen, ihnen fehle eine Gemeinschaft, jeder arbeite nur für sich am Ende: Sucht nicht nach einer Ersatzfamilie, sondern lernt, die richtigen Menschen zu treffen. Dann geht das irgendwann von allein. Man kann ein Gefühl füreinander nicht in zweiwöchigen, erzwungenen Treffen entwickeln, eine Chemie lässt sich so nicht mit zusammengebissenen Zähnen herstellen. Das funktioniert nicht nach “Juchhu, wir haben alle einen Laptop, wir sind jetzt alle Freunde“. Ich glaube, diese Art der Zusammenarbeit basiert gerade auf der Gradwanderung zwischen Freundschaft und professionellem Arbeitsverhältnis, auf der Auswahl zwischen Herz und Kopf in den richtigen Momenten, auf einem Maß an Menschlichkeit und einer guten Portion Grinsekuchen. Und man macht dabei tausend Fehler, aber himmelherrgott. Nur weil man sich für die gleichen Dinge interessiert, muss man sich noch lange nicht sympatisch sein.
Und jetzt konnte ich meinen Mund doch nicht halten. Aber das war es irgendwie, was mir manchmal gefehlt hat. Die Kommunikation über die kleinen Alltagsbarrieren hinweg. Über die Räume hinweg, über den Bekanntheitsgrad hinweg, über die Bewunderung hinweg, über die Treppen hinweg, über die Arroganzen hinweg. Nur so als Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Es geht um mehr als Projekte. Es geht immer um tausend mal mehr.
Und jetzt mit der Faust in der Hosentasche weitergehen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 26. August 2007 um genau 5:00
Kategorie : Berlin | 5 Kommentare