Wir haben ja keine Ahnung

Ich könnte dir eine Geschichte davon erzählen, wie dein Haar sich anfühlt, wenn man es leise und in der Morgendämmerung aus deiner Stirn streicht, um die Falten zu sehen. Die, die du legst immer dann, wenn die Nächte schwer sind, weil die Tage schwer sind und man keine Grenzen ziehen kann dazwischen und den Schalter nicht umlegen. Wir leben in einer Welt aus Knöpfen, es gibt da kaum noch große Hebel. Manchmal sieht man noch den einen oder anderen verirrt in der Stadt. Mit rotem Griff und eigentlich gut zu greifen, oft aber viel zu lang unbenutzt, irgendwie verloren gegangen im Gewühl. Du kannst an keinem vorbeigehen ohne zu probieren, ich weiß.
Ich könnte ein Lied davon singen, wie es aussieht, wenn du an deiner Hose zupfst, weil sie manchmal zu weit und manchmal zu eng ist. Weil sie immer wieder rutscht, aber doch so sitzen muss, weil du nicht genau weißt, weil du nie genau weißt, weil dein Blick in die Augen immer nur ganz kurz ist und dann immer nur noch daran vorbei. Du hast dir angewöhnt, all die kleinen Metaphern auszuleben, die kleinen Bilder und Gesten, die man in Filmen sieht. Du hast dich so lange weg gewünscht, bis du weg warst, ein anderer und neu. Aus tausend fremden Sequenzen zusammengesetzt.
Ich könnte viele Seiten darüber schreiben, wie deine Stimme auf Kassette klingt, wenn du die Geschichte vom kleinen Muck liest und an deinen Lieblingsstellen immer schneller wirst. Andere Leute würden sich die Dinge aufheben, die sie mögen, sie würden langsam hinein waten, aber du nimmst immer gleich zwei Hände voll, rennst bis zum Ende der Straße und darüber hinaus. Du weißt nicht, wann genug ist, musstest aber deswegen noch nie ins Krankenhaus. Die kleinen Blessuren und Narben, dort, wo dir das Herz über die Hose bis ins Knie rutscht, das merkst du nicht mehr, das linke Bein ist nur manchmal ein bisschen schwerer.
Und ich brauche dir nicht verraten, dass es dich gar nicht gibt. Oder wir uns nicht kennen. An einem anderen Ende schreibst du irgendwelche Anfänge über mich, singst solche Lieder und erzählst Menschen von mir. Wir könnten einander ausfindig machen, laut schreien, ausladend winken, vielleicht Annoncen in die Zeitung setzen oder Zettel aushängen. Wir könnten im Radio anrufen, das Internet durchsuchen oder die Telefonbücher, wir könnten auf den Zufall hoffen, aber wir bleiben sitzen. Dort, wo wir sind. Und direkt in mein Ohr sagst du: “Sonst wäre der Witz weg.“
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. August 2007 um genau 0:30
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