You could be happy and I won´t know.

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In dieser kirchlichen Beilage meiner Tageszeitung las ich neulich beim Arzt von Unfalltoten und davon, dass man bei so einem Unglück keine Chance auf einen Abschied hat. Und die Leute deswegen auch an den Unfallstellen Kreuze aufstellen, um nach und nach Auf Wiedersehen sagen zu können.

Aber es passiert doch hin und wieder trotzdem, dass einem so ein Moment des letzten Blicks abhanden kommt. Auch ohne wirklichen Unfall. Dass man einfach den Moment verpasst, die Abfahrt, die Minute, in der es richtig wäre, sich noch einmal kurz nah zu sein und bewusst der Tatsache, wieviel und vor allem was für eine Zeit man miteinander hatte. Das ist dann aber keine Rechnung in Tagen oder Monaten oder Jahren sondern in Mehrwert. Wenn es dann Zeit wäre für solche Sätze, die man nie wieder vergisst (man kennt das ja aus Filmen), auch wenn man sich danach vielleicht niemals mehr über den Weg läuft, der Name des anderen zwischen ganz vielen anderen im Adressbuch steht oder in einer Todesanzeige.

Und wenn man zufällig beim Aufräumen darüber stolpert, weil man die Anzeige früher mal ausgeschnitten hat und dann etwas in der falschen Kiste sucht, steht man plötzlich mitten in einem solchen Moment, der sich anfühlt wie so ein Abschied, an dem man vorbeigerannt ist oder vielleicht gar nicht gefragt wurde, ob man jetzt hier eventuell kurz anhalten wollen würde. Im Kopf sagt man dann still all diese Dinge, die man dem anderen vielleicht mit auf den Weg geben muss, damit es gut sein kann irgendwann. Und kommt sich so bescheuert dabei vor, mitten im Zimmer zu stehen, unterbrochen in der Hektik und völlig von der Rolle zu sein.

Eventuell setzt in diesen Sekunden bescheuerte Schnappatmung ein, vielleicht hat man einen Thüringer Kloß im Hals. Und schluckt ihn dann weg, so gut man kann, so wie man Blutabnehmen zwar unangenehm aber mittlerweile nicht mehr total unerträglich findet. Das geht ja alles irgendwie mit der Zeit. Man lässt es über sich ergehen, drückt danach den Finger fest drauf und in ein paar Tagen sieht man den kleinen roten Punkt gar nicht mehr. So ist die alltägliche Prozedur in Ausnahmesekunden wie diesen. Manchmal, als würde eine kleine, rauhe, fiese Kopfschmerztablette am Gaumen hängenbleiben und der bittere Geschmack Würgereiz und Gänsehaut verursachen, unerwartet und eklig. Und dann spült man mit süßem Sirup nach, um das zu übertünchen und merkt, es funktioniert nur halb so gut, wie man´s sich eigentlich erhofft hatte. Aber das eingetrichterte Prozedere funktioniert eben so: weiter, weiter, stolpern, aufstehen, pusten, weiter. So macht man das. Heile heile Segen.

Komischerweise habe ich jedes Mal, wenn mir durch einen deinem Hinterkopf ähnlichen Hinterkopf bewusst wird, dass diese Abschiedsabfahrt schon Jahre hinter uns liegt, das Gefühl, ich hätte tausend Hände, mit denen ich mir tausend Stellen abdrücken muss, weil es sonst blutet wie Sau. Jedes Mal an Geburtstagen, wenn die Leute alte Fotos rausholen und lachen müssen, weil sie jetzt entweder Falten haben, früher viel dicker waren oder sich mehr Haare auf dem Kopf tummelten, muss ich so oft schlucken, dass ich manchmal gefragt werde, ob ich etwas hätte und vielleicht einen Schluck trinken wollen würde. “Sirup vielleicht?”. Weil es von dir zwar Fotos gibt, aber keinen Vergleich.

Und ich weiß nicht, ob du auch nur das Fitzelchen einer Ahnung hast, wie sehr du mir fehlen kannst.

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Juli 2007 um genau 21:26
Kategorie : Blicke | 4 Kommentare

 Leistungsliebe

Generationenbegriffe finden wir ja gut, da haben wir was zum Rumschmeißen und drauf rumkotzen, zum dran festhalten und tadaaa zur Identifikation. Toll. Gestern wurde eine Facette meiner Generation in der SZ aufgeschrieben: Generation Leistung. Im Text geht es um die Anforderungen, die wir uns selbst auferlegen und es nicht mehr merken, um den inherenten Leistungsanspruch, der nicht mehr hinterfragt wird. Mut zum Mittelmaß wird proklamiert und dazu aufgefordert, doch mal wieder Dinge zu tun, die man nicht im Lebenslauf aufschreiben kann, die aber trotzdem Spaß machen, wie z.B. “zu spielen, zu lieben, zu weinen, zu hüpfen“. Prima. (Und dann?…)

Ich bin ja wirklich eine Freundin von Pausen und Ruhepunkten, von kleinen Fluchten und dem großen Geschrei, wenn es um Ferien geht. Aber wer kann schon die eigenen Ansprüche komplett runterfahren, wenn es darum geht, sich vor einer Prüfung, für die man mal wieder viel zu spät angefangen hat zu lernen, mal zu entspannen? Wer hat es drauf, sich die Welt den Rücken runterrutschen zu lassen, wenn ständig einer danach fragt, was man schon so gemacht hat und man sich sogar selbst dabei ertappt, danach zu fragen? Wie sollen Leute eine solche Coolness an den Tag legen, die einfach auf ein Vorankommen angewiesen sind, weil sie sich jetzt grad dumm und dusselig arbeiten, um irgendwie gerade so über die Runden zu kommen? Ich rede nicht von mir. Aber ich kenne ein paar von der Sorte. Und vor denen stehe ich regelmäßig mit offenem Mund und kann nicht fassen, wieviel manche Leute auf einmal auf die Reihe bekommen müssen. Wäre in meinem Interesse, mal ein paar der ständig phrasendreschenden Verantwortlichen eine Woche in ein solches Leben zu buxieren, um dann mal zu gucken, wie sie das hinkriegen.

Nach Weber gehen die Dinge, die man der Dinge wegen tut und die dem generellen Verständnis nach sinnlos und nicht sonderlich leistungsfähig sind, in unserem Geist des Kapitalismus verloren. Auch im SZ-Text ist die Sprache davon, dass sich politische Ideale und Utopien relativ ausgiebig verabschiedet haben, Geld verdienen hat abgeklatscht. Und aber holla studieren die wenigsten, um sich wirklich zu bilden, sondern um danach angeblich was zu sein, was vorweisen zu können, um dann weiter zu rennen. Hallo, Bachelor. Tschüß Müßiggang.

Und außerdem frage ich mich doch, in welche Kategorie ich denn wohl gefallen wäre, wenn ich Teil der Shell-Studie gewesen wäre. Es stehen zur Auswahl:
- Idealistin,
- Unauffällige,
- Macherin oder
- Materialistin.

Bitte machen Sie jetzt ihr Kreuzchen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Juli 2007 um genau 8:41
Kategorie : Blicke, Wir | 5 Kommentare


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