Vielleicht kommt ein Danach.

Lieber Richard,
sei dir sicher, mir passt meine ganze Faust in den Mund, wenn ich mich anstrenge. Das Problem dabei ist jedoch, dass ich dann weder sprechen noch singen, weder einwandfrei essen noch entspannt atmen kann. Es sieht scheiße aus und fühlt sich scheiße an. Dass diese ganze Sache der Erfolgsmacherei (so, dass sie einem genügt in einem Rahmen, der dazu passt) eine recht komplexe Geschichte ist, macht sich durchaus jeden Morgen auf meinem Badezimmerspiegel breit. Dieser hängt übrigens im Querformat, damit man sich auch beim Zähneputzen in trauer Zweisamkeit noch problemlos betrachten und der Realität ins Gesicht gucken kann.
Natürlich ist das monetäre Problem ein inneres und seelisches. Und ich möchte noch einmal sagen, dass ich nicht jammere, sondern mir meiner Verhältnisse und Möglichkeiten durchaus bewusst bin mit all dem “Eigentlich geht es uns gut” plus Drumunddran. Ich zweifle aber nicht an meinen Träumen, nur weil ich manchmal mit den Zähnen knirsche wegen bestimmter Vorzeichen des Kontostandes oder der geminderten Spontanität in der Lebensführung, die ja doch in den meisten Fällen von gewissen finanziellen Umständen abhängig ist. Ich löse mich deswegen nicht von meinem inneren Drang nach kreativem Austausch und sonstigen Spaßigkeiten. Ich höre deswegen nicht auf zu tun, was ich tue. Ich muss es nur mit anderen Dingen zusammen auf den Tisch legen und dann so ordnen, dass für alles genug Platz ist. Ich muss hier und da Zeiträume bauen und Träume aufschieben, Kompromisse machen. Aber ich sag ja nicht, dass das nicht auch lehrreich und notwendig ist dafür, dass man sich eventuell später mehr freuen kann und nicht aufhört, zu machen und zu suchen.
Eine Bohéme-Gemeinschaft - wie auch immer du dir diese definieren magst - hilft natürlich in dem Sinne, dass Kommunikation und Wunschdenken, Produktion und Kreativität nicht mehr groß erklärt werden müssen, Ziele oft die gleichen sind und man sich von daher energiezehrendes Geplänkel oft sparen und zu den wichtigen Dingen übergehen kann. Die Denke, Richard, die Denke, nicht die Koch- und Waschgelegenheiten. Und zum Teufel nochmal, ich bin nicht einer von diesen Zeitgenossen, die es toll finden, ganz spartanisch zu leben und nichts brauchen außer ihrem Rechner und einem Ladegerät samt Mobiltelefon. Ich habe es gern kuschelig, ich genieße gutes Essen und Sachen, die manchmal einfach nur rumstehen. Meine Heimat besteht aus mehr als einem Rucksack und digitaler Verfolgung. Und für Solidarität und Humanität brauche ich keine Kommune sondern einen gesunden Menschenverstand.
Ja, wirschaftlicher Misserfolg kann zu seelischem Erfolg führen. Aber dass immer alle ausschließen, dass wirtschaftlicher Erfolg - wenn man das tut, was man liebt - eben auch glücklich machen kann, geht mir gehörig auf die Nerven. Es ist naiv zu denken, dass sowas immer den Charakter verdirbt, die Manieren verdreht und von Natur aus am Ende Traurigkeit beschert. So einfach ist das nicht. So einfach kann man es sich eben nicht machen.
Allein dafür reicht die Luft, muss die Luft reichen. Oder eben dafür, das Gegenteil zu lernen, zu erfahren, meine eigene Lösung zu finden. Aber Schwarzweiß allein gilt nicht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Juni 2007 um genau 20:20
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