Oh how I love your depression
Das Tief liegt über die Stadt. Und die Menschen verbarrikadieren sich sofort. Alle Fenster wasserdicht verriegelt, die Türen zugesperrt, die Kragen hochgeklappt, den Blick auf das nasse Pflaster gerichtet, sie wollen alle heim. Und die Kinder zerren an den glitschigen Händen, jammern noch ein bisschen, werden aber leiser im muffig riechenden Hausflur, weil sie wissen, Papa geht heute nicht mehr raus, Papa bleibt heute zuhause. Sie schütteln ihre Haare auf dem Bahnsteig, flüchten sich unter jedes Dach und haben endlich eine Begründung dafür. Legitimierung der eigenen Selbstkontrolle, der Affektbeherrschung: “Ja, guck! Es regnet doch!”. Aschfahle Wangen, verklebte Wimpern, das haben sie sich anders vorgestellt, das mit dem Mai und so. Gleich laufen sie wieder gebeugt, nichts sieht man mehr von den weiten Ausschnitten und den polierten Images. “Deine Schminke verläuft im Regen“.
Vielleicht fängt einer an, die Regenschirme einzusammeln. Die vergessenen, verlorenen, kaputten, zurückgebliebenen. Da ist dann keiner mehr auf der Straße, vielleicht bewegt sich hin und wieder eine Gardine, vielleicht sieht man noch den Hintern eines Müllwagens um die Ecke biegen, sonst ist da nichts. Nur das Plätschern der kleinen Bäche, das murmelnde Ansteigen des Pegels, das keiner bemerken will. Und während sie die Ränder ihrer kleinen Existenzen mit Gaffa abkleben, setzt sich der Eine in eines der leeren Autos und stapelt die Schirme auf der Rückbank, findet immer wieder neue, immer noch mehr. Die nimmt er vielleicht mit zu sich nach Hause und trocknet sie in der Wanne, im Waschbecken, im Hausflur. Sorgsam nebeneinander und wartet dann. Und wenn das Tief vorüber ist, gibt es einen Auflauf auf der großen roten Brücke, sammeln sie sich in Trauben und lachen und zeigen mit dem Finger auf den Fluss, auf dem dann hundert bunte Punkte tanzen wie auf dem Kopf stehende Blumen. Und die Kinder werden an den Händen zerren und noch nicht nach Hause wollen. Und dann ist alles wieder gut und die Leute haben ihr Gleichgewicht zurück und die Stadt darf wieder auf die Sommerlochtitelseiten. Dann.
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Mai 2007 um genau 13:53
Kategorie : Berlin, Blicke | 4 Kommentare