Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: April, 2007

Beipackzettel

http://www.mevme.com/lizblog

Es ist Frühling. Ich weigere mich zu sagen, es sei schon Sommer. April gehört definitiv nicht zum Sommer. Auch wenn sich die Temperaturen hin und wieder so anfühlen. Jedenfalls ballern die Bäume im Frühling ja Pollen raus, als gelte es das Leben, als wäre es das letzte Mal, als könnte man da was gewinnen. Großstadtfolge: Heuschnupfennasen. Es niest und schnaubt und rötet und tränt, dass es keine Freude ist. Die Pharmaindustrie lacht sich derweil ins Fäustchen und schmeißt in solcher Konsequenz wie die Bäume Pollen neue Mittelchen auf den Markt, um der allgemeinen Stadtkindverrotzung ein Ende zu machen. Und wir - gefangen in unseren Bergen aus Taschentüchern und Gruppenzwang (Denn nein, drinnenbleiben bei Sonne und Sommerhauch ist freundschaftlich streng verboten, da wird eins zwei drei an die frische Luft gegangen und den Freizeitminisportaktivitäten gefrönt. Wer drinnen bleibt, hat schon verloren) - wir probieren und kaufen und schlucken und studieren Packungsbeilagen, die teilweise größer sind als U-Bahn-Fahrpläne.

Beim Lesen ellenlanger Listen der möglichen Nebenwirkungen (und die gibt es auch bei den homöopathischen Ablegern) fragt man sich jedoch, ob man nicht einfach lieber doch zuhause bleiben, die Fenster verriegeln und einfach den ganzen Tag staubsaugen sollte: schneller Herzschlag, Herzklopfen, Herzrhythmusstörungen, Mundtrockenheit, Übelkeit, Erbrechen, Darmentzündung, Schwächegefühl, Leberfunktionsstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Schläfrigkeit/Benommenheit, Krämpfe, Muskelzittern, Geschmacksstörungen, Nervosität, Schlaflosigkeit, Angst, Unruhe, Halluzinationen, psychotische Störungen, trockene Haut, Hautausschlag, vermehrtes Schwitzen, Nesselsucht, Haut- und Schleimhautschwellung, Blässe, Bluthochdruck…

Zwei drei Schritte dahinter

http://www.mevme.com/lizblog

C. und ich standen neulich in der Küche, zu unseren Händen der Abwasch, wir sahen aus dem Fenster in den besonnten Hof mit den lauten Vögeln und wir sprachen davon, wie man uns im Laufe der Zeit die Kanten glatt geschliffen hat. Wir sprachen von den Widersprüchen und dem Misstrauen neuen Menschen gegenüber und den alten mittlerweile auch. Und dass sich die große Euphorie mit den Jahren und Menschen in den Hinterkopf geschoben hat. Dass wir uns ihrer erinnern, als sei sie noch da, wir aber nicht mehr ganz so gut befreundet. Als würden wir sie anschauen und darum beneiden, dass sie sich bei diesem guten Wetter in den Straßen herumtreibt und tanzt, während wir ihr leise hinterher schleichen. Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren, wir wollen sie nicht vergessen, aber wir trauen uns irgendwie nicht mehr, uns von ihr mitreißen zu lassen. Wir sind vorsichtiger geworden. Und haben wir sie doch einmal eingeholt, ihr von hinten die Augen zugehalten, weil wir nicht anders können, und ihre weißen, makellosen Zähne hervorblitzen sehen, weil sie so laut lacht, stolpern wir schnell, verlieren das Gleichgewicht und haben Angst davor, uns an sie zu gewöhnen, mit ihr an der Hand jemanden womöglich zu überrennen. Irgendwie trauen wir uns nicht mehr, unseren Kopf mit ihr unter eine Decke zu stecken und die Welt da draußen einfach so und komplett zu vergessen. Immer und immer wieder lassen wir Licht ins Dunkel, vergewissern uns der Außenwelt und unserer Füße auf dem Boden.

Das ist so seit dem Tag, als die Sonne schon untergegangen war bei dem Blick nach draußen. Wir hatten den Kopf herausgestreckt, um Atem zu holen. Mit der festen Überzeugung, es sei noch hell und alles beim Alten. Und dann fanden wir den Weg nicht mehr zurück, weil sich alles verändert und weitergedreht hatte. Weil die Straßen nicht mehr die waren, die wir kannten. Wir haben aufgehört damit, weil es so lange gedauert hat, zurück nach Hause zu finden.

http://www.mevme.com/lizblog

Wo soll das hinführen?, fragst du.

http://www.mevme.com/lizblog

Tele liefen bei mir bis vor kurzem meist in der Sparte: “Ganz nett, brauch man nicht wegdrücken, muss man jetzt aber auch nicht unbedingt von selbst anmachen, auf Dauer etwas seiernd und daher anstrengend, stört aber nicht“. Seit dem neuen Album “Wir brauchen nichts”, ertappe ich mich dabei, an Ampeln zu summen, auf dem Fahrrad, in der Uni. Vielleicht sind das die Hormone, vielleicht die Jahreszeit. Vielleicht ja auch sowas wie musikalische Weiterentwicklung auf beiden Seiten. Sagt mir jemand, was ist es?

Hach. Prozess, Prozess. Endlich kriegt mich mal wieder jemand. Sonst ist das ja immer eher so eine Sache von: “Was Neues? Och ja. Aber ich hab jetzt grad keine Lust mir das komplett und mich erst einmal hinein zu hören“. Dann greif ich auf die altbekannten Sachen zurück. Von denen weiß ich, dass sie funktionieren, helfen, therapieren und begleiten. Ewig währende Lieben und so. Daran glaub ich in Sachen Musik ja noch. Aber neue musikalische Freuden muss ich selbst zufällig entdecken oder man muss sie mir aufsetzen, mehr sofort als sogleich, mehr aus Versehen als gewollt. Passiert selten, aber wenn, dann hält das oft länger.

“Ich hab keine Ahnung”, sag ich.

Nachschlag und Verwunderung

“Trauen sich die Leute in Deutschland nicht zu bloggen, weil sie Angst haben, dass man ihnen das irgendwann um die Ohren haut?”

So und ähnlich klangen gestern abend einige Äußerungen, als es im Gespräch zwischen Jörn Morisse, David Pfeifer, Sebastian Sooth und Holm Friebe darum ging, warum sich in den deutschen Blogs im Vergleich zu Amerika so wenig politisches tut. Gut, der eine oder andere möchte jetzt vielleicht Zahlen hören oder Beweise vorgelegt bekommen, aber dem will ich gleich damit entgegen treten, dass es sich mit diesem Beitrag hier auch wieder nur um eine subjektive Beobachtung meinerseits, einen kurzen Gedankengang handelt, der mich dann aber doch länger beschäftigte, als ich angenommen hatte. Und vielleicht könnte ich alles durchforsten und mir ein anderes Bild machen, vielleicht bin ich in diesem Bereich nicht so wissensgeschwängert, dass ich dazu allgemeingültige Aussagen treffen kann, und genau deswegen geht es hier um eine 0815-Bewertung, einen Eindruck, um Alltagsnuancen. Gut. Worum geht´s nochmal?

Ach ja. Haben die Deutschen Angst davor, dass man sie auf ihre Meinung ansprechen könnte, falls sie diese bloggen? Haben sie Angst vor Konfrontation und womöglichen Gegenpositionen, die nicht in die “Eigentlich will ich doch von möglichst vielen Leuten gemocht werden”-Attitüde passen? Oder sucht man sich hier andere Medien und Artikulationsformen, um sich politisch zu äußern? Und wo fängt die politische Schreibe in Blogs überhaupt an? Bei Reflexionen über Einkäufe, Liebesleben, dem Liebesleben der Freunde oder öffentlichen Personen? Oder erst bei der aktiven Diskussion von gesellschaftlichen Missständen? Weil sich ja politische Meinungen in Blogs doch eher seltener finden als die Auflistungen von Lieblingsliedern, Sexualpartnern oder Lieblingsgetränken.

Will man hierzulande vielleicht gar nicht seine Gedanken zu gesellschaftlichen Umständen im Internet stehen haben oder ist es lediglich zu mühsam, politische Meinung so zu verpacken, dass nicht nach zwei Sätzen weggeklickt wird? Will man sich einfach nicht mehr rechtfertigen müssen und schreibt deswegen Dinge, die keine tiefgreifende, womöglich theoretisch und komplex angehauchte Hintergrunddiskussion per Kommentar nach sich ziehen? Interessiert mich das eigentlich gar nicht so, weil es mich nicht konkret berührt jeden Tag, sondern die Dinge, die äußerungswürdig und wichtig sind für mich, nun einmal doch andere Dinge sind?

“Würde ihnen das überhaupt jemand um die Ohren hauen?” und würde das jemand lesen?

Klick für Kurzentschlossene

Wir sind doch so spontan und tanzen immer auf allen Hochzeiten gleichzeitig. Deswegen kommt auf die ellenlange Liste noch ein Punkt der Kategorie “Kulturelle Abendunterhaltung mit Diskussions-Charme“: Um 20 Uhr liest heute abend David Pfeifer aus seinem Buch “Klick. Wie moderne Medien uns klüger machen“. Danach moderiert Jörn Morisse ein Gespräch mit dem Autor und Sebastian Sooth sowie Holm Friebe.

http://www.mevme.com/lizblog

Gelesen und geschnattert wird also im NBI in der Kulturbrauerei. Mich findet man dort auch, gleich am Eingang. Das Buch dazu kann man natürlich finden, wie man will. Ich selbst habe es noch nicht gelesen. Deutschlandradio und Perlentaucher finden es nicht so prima, ich werde mal gucken und mich gegebenenfalls noch auslassen. Wer sich jedoch heute abend live aufregen, zuhören, flüstern, nebenbei SMS schreiben, hinhören, einschlafen oder einfach nur nett was trinken will, ist herzlich eingeladen. Alle anderen natürlich auch. Hinkommen, Gedanken machen, Senf zugeben, wieder was geschafft.

Unheimliches Friedrichshain

Plötzlich kann man nicht mehr rausgehen, ohne irgendjemanden zu treffen, den man kennt. Das heißt also, plötzlich bekommt die Schlabber-”Ich geh mal eben nur zum Bäcker”-Hose samt Visage eine Öffentlichkeit, das Murmeln plötzlich Gehör. Tz. Wo gibt´s denn sowas?

Bremer Freiheit

http://www.mevme.com/lizblog

Der Wind ist wärmer geworden. Eigentlich ist ja alles wärmer geworden, aber das merken wir ja dann doch auch wieder nicht so richtig, also interessiert es uns nicht, also schreiben wir nicht darüber, sondern nehmen uns nur die kleinen, unscheinbar interessanten Details raus und schreiben sie, denn darüber kann man dann ja reden, ohne sich gleich in politische Diskussionen begeben zu müssen. Jedenfalls ist der Wind wärmer geworden, am Wochenende hat die Sonne auch in Dresden geschienen. Ich habe kleinen Bergziegen die flache Hand gezeigt und mittlerweile klebt einem die Kamera ja auch nicht mehr ständig in dieser (ich werde alt, ich werde faul), deswegen gibt es davon keine Fotos, aber irgendwann etwas zu hören. Wenn Julius dann In-die-Charts kommt (und ja, solch schlechte Witze äußert man, wenn man den ganzen Tag zusammen in einem Raum eingesperrt ist).

Zudem war ich mal wieder kurz in Hamburg. Das letzte Mal vor ungefähr fünf Jahren und auch ungefähr an den gleichen Plätzen. Schanzenviertel, Schulterblatt und Landungsbrücken. Zu mehr reicht es bei mir in Hamburg irgendwie nie. Dabei hört man doch soviel. Berlin hat sich am Wochenende nicht verändert, mir hat es trotzdem gefehlt (eigentlich mehr der Inhalt als die Form) und am Ende kommen Lieder bei raus. Rock´n Roll geht anders, aber dafür bin ich ja vielleicht auch schon zu alt. Oder zu jung. Je nachdem. Jedenfalls lasse ich mir keinen Bremer Schlüssel auf den Unterarm tätowieren.

Ende Gelände

http://www.mevme.com/lizblog

In solchen Momenten schau ich dir in die Augen, in die Straßen, ins Gesicht. Dann bist du wie ich. Schau ich dir durch die Linien, in die Fenster, unter die Haut. Und wer hat eigentlich diese Brücke über den Fluss gebaut? Wenn das die Abende sind, die es immer war´n, wo haben wir dann die letzten paar Jahre verbracht? Und wenn das die Häuser sind, die dort immer standen, wo haben wir dann die letzten paar Jahre gewohnt?

Und da guckt immer einer von ganz oben runter. Und es guckt immer einer von unten zurück. Da guckt immer einer. Das wird sich nie ändern. Du nennst das Glück.

Und du nennst das Alleinsein. Ich nenn es Zuhause. Und immer, wenn das so ist, stürzt irgendwo eine Brücke ein. Vielleicht erschlägt die den Dampfer darunter, vielleicht gibt es nur ein paar Wellen. Denn sie tackern die Straßen am liebsten fest anstatt sie einfach wieder gerade hin zu stellen. Und in solchen Momenten schau ich dir in die Augen, in die Straßen, auf die Hände. Du sagst wieder nichts und lachst mich nur an, drehst an den Ringen und vergisst irgendwann, was du vielleicht doch hättest sagen können.

Hornhaut

Trauen wir uns am Ende nicht mehr, romantisch zu sein? Haben wir eventuell verlernt, wie das geht, geradeaus zu sprechen, auch wenn es klingt wie aus Filmen, aus Angst, für den anderen klänge das schon abgegriffen und stumpf? Haben wir uns mittlerweile so sehr zusammengerissen, dass wir uns nicht gar nicht mehr zerreißen können? Kriegen wir das sorgsam geklebte Tape nochmal ab oder sind dann da auf ewig diese ekligen Klebereste, an denen immer Staub und runtergefallene Mücken hängenbleiben?

http://www.mevme.com/lizblog

Wer flüstert abends heimlich in sein Kissen, wenn der andere nicht da ist, aber traut sich nicht, es zu sagen? Und wer würde gerne in sein Kissen flüstern, aber traut sich nicht es zu tun?

Abends halb zehn am Ostkreuz

http://www.mevme.com/lizblog
Caro: “Eigentlich müsste ich sagen: Geh weg, dein Herz stinkt.