Flüchtig

Wie sie da wanken und taumeln und es ihnen egal ist, wenn ihre Affäre das ganze Wochenende nicht zu erreichen war. Die, die hysterisch lachen anstatt einfach den Mund zu halten, wenn sie verlegen sind. Die, die sich Frisuren dananach schneiden lassen, wie sie direkt nach dem Aufstehen liegen. Die, die die Zigarette zwischen ihren Fingern halten, als hinge ihr Leben davon ab und die letzte Nacht und die nächste auch. Und die, deren Tage ein einziges Hinterherhechten sind nach der Befriedigung dieser Lüste, dieser Süchte eigentlich.
Denn sie sind süchtig nach dem schlechten Gefühl eines Sonntagnachmittags, wenn sie verschmiert die Augen aufschlagen und ihnen das Bierflaschenetikett noch an der Wange klebt und der Stempel sich hundertmal auf dem Laken verteilt hat. Sie sind süchtig nach der Enttäuschung, die sie fühlen, wenn die Bekanntschaft vom letzten Abend im Sonnenhochhauslicht doch nicht mehr so makellos strahlt sondern einfach nur ein ganz normaler Mensch ist. Sie sind süchtig nach den Gesichtern, die sie dann abscannen in der Straßenbahn und in der Hoffnung, dass jemand mal den unscheinbaren Menschen in ihnen erkennt.
Den Menschen, der sie sind, wenn sie sich nachts auf der Party zum Klo durchgekämpft und die Tür hinter sich geschlossen haben. Den Menschen, den sie beim Vorbeigehen ganz kurz im Schaufenster sehen und der an den lackierten Fingernägeln kaut. Den Menschen, dem an der Ampel in der Früh die Augen zufallen und den Menschen, der sich eine Träne verdrückt, wenn er sonntags beim Zappen aus Versehen bei “Nur die Liebe zählt” hängengeblieben ist. Den Menschen, dem schlecht wird in der Achterbahn. Und flau im Magen beim Anblick der alten Briefe. Den Menschen, der nicht dreckig über die Witze lacht. Den Menschen, der sich die Sprüche vorher im Kopf zurechtlegt, bevor er beschließt, sie doch nicht zu sagen.
Und sie sind süchtig nach den flüchtigen Küssen, die alles versprechen und nichts halten, die verwildern und nicht glatt streichen. Sie sind süchtig danach, sich immer wieder die Lippen nachzuziehen und danach, die Möglichkeit zu haben, jeden Abend ein anderer Mensch zu sein. Sie sind der Antrieb dieses Katz-und-Maus-Spielchens, bei dem sie sich niemandem offenbaren, aber alles erwarten und alles wollen, um am Ende derjenige sein zu dürfen, der geht. Sie sind süchtig danach, weil sie glauben, so hätten sie die Dinge halbwegs unter Kontrolle. Halbwegs jemanden an der Hand.
Liz hat es verfasst, und zwar am 13. März 2007 um genau 13:40
Kategorie : Berlin, Wir | 2 Kommentare