Kranich

Im Sommer bist du mir oft aufgefallen. Meistens morgens, wenn ich mit dem Rad auf dem Weg ins Büro war. Erst ging es ein bisschen über Kopfsteinpflaster und im Schatten der Häuser überraschte mich meistens eine Gänsehaut. Danach ein bisschen bergab und vorne an der Ecke, wo man auf die große Straße muss, weil einem der Friedhof den Weg abschneidet, fuhr man das erste Mal in der Sonne und im Lärm und beides ging immer irgendwie Hand in Hand. Zur Ampel voran und dann weiter auf der Busspur und an den Plattenbauten vorbei, ein Blick auf die Kirchturmuhr zur Linken, ein Blick auf die Wartenden zur Rechten und dann einschlagen und auf den Radweg. Hinter der großen Kreuzung, an der ich mal in einer Straßenbahn saß, die ein sich halb überschlagendes Auto streifte, fuhr weiter im Schatten der Bäume. Der Gehwegbelag wellt sich dort extrem über ihren Wurzeln und man kann durchaus einfach auf die Fresse fliegen, wenn man nicht aufpasst. Der Rest des Weges geht an dem seltsamen neuen Einkaufsklopps vorbei, der keine Fenster hat und dasteht wie vom Himmel gefallen. Vorbei an der Arschbacke des länglichen Hauses, in dem sich Post und der Donutladen verstecken sowie ein paar Rentner und Blumenverkäufer. Und dann kann man den Fluß von weitem sehen, die Bäume werden dichter auf der rechten Seite, auf der Linken schiebt ein Polizist Wache und es gibt noch eine Uhr, die einem sagt, wie man in der Zeit liegt.
Und dann geht es über das Wasser und dort stand mal ein Kran am Palat der Republik. Und B. machte Fotos an dieser Ecke von der Domspitze oder dem Himmel, ich weiß es nicht mehr genau. Aber auf dem Kran saßen immer tausend Vögel und wenn bei den Abbauarbeiten im Palast mal wieder irgendein Stahlträger zu Boden fiel, erhoben sie sich im gleichen Moment und flogen in einer Art waberndem Mosaik davon. Das machte einen ohrenbetäubenden Lärm, musterte den Himmel in seltsamen Kreisen und war so schnell wieder weg, wie man es nicht hatte kommen sehen. Ich hab immer an dich denken müssen bei diesen Flügelschlägen und bei dem Geruch von Meer. Die Möwen haben geschrien und die Unterwasserstraße lief über. Wenn ich vorher nicht tief eingeatmet hatte, blieb mir manchmal die Luft weg.
Und heute nacht stand ich wieder auf der großen Brücke und sah auf die beleuchteten Querbalken vor der Stadtsilhouette und neben den Streifen der Bahngleise. Ich sah die Weihnachtsbäume, die sie draufbinden im Winter, und ich sah die schwitzenden Scharniere in der Hitze Mitte August. Ich sah die im Wind schwankenden Bauteile baumeln und dann auch dich, wie du immer ohne zu Zögern und ohne hochzusehen über den Fluss und an dem Kran vorbeigefahren bist. Ja, vor ein paar Tagen auch an mir. Jetzt bin ich wieder wirklich Teil dieser Stadt, die du so hasst. So muss das sein, so war es vorher ja auch.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. März 2007 um genau 4:23
Kategorie : Moi | 2 Kommentare