Deltamuskel

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Es war noch kalt. Wir wussten zwar schon, wie sich die Sonne anfühlt, aber nur ganz zaghaft und nur tagsüber und deswegen blieb in den Nächten noch nichts davon übrig. Das sogen sie am Tag alle ein und dann, wenn es dunkel wurde, gingen sie in ihre Betten und warteten auf den nächsten Tag und darauf, dass sie die Mütze weglassen konnten am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Es war nachts also wirklich noch kalt in der Nacht und wir tranken, damit uns wärmer wurde und wir lehnten die Schultern gegeneinander und wussten nicht so ganz, wo wir hinsollten und wo wir eigentlich waren und ob das alles so richtig war. Wir tranken noch mehr, weil wir dachten, dass das helfen könnte. Und ja, wir glaubten noch an Wunder.

Ich entschied mich und ging wieder. Und ich hatte nur diesen grauen, viel zu großen Kapuzenpullover an und meine Socken waren am nächsten Nachmittag noch nass von dem Regen der letzten Nacht. Ich trug diesen Pullover und zog mir die Kapuze tief ins Gesicht. Und setzte einen Fuß vor den anderen und es regnete und ich übersah Pfützen. Und wie immer in solchen Momenten fielen mir nur The Notwist ein. Natürlich erschrak ich, als mich dann morgens um vier bei der Tankstelle am Friedrichshain ein Tourist mit Stadtplan nach dem Weg fragte. Ich wies ihm die Richtung mit der Hand, reden ist meistens zuviel verlangt. Mir war nicht kalt, ich musste mich nur die ganze Zeit darauf konzentrieren wach zu bleiben. Und natürlich wolltest du eine Erklärung und natürlich hatte ich eine Erklärung und natürlich kanntest du diese auch schon, aber man will die Dinge ja meistens hören, weil man hofft, sich zu irren. Und ich stieg aus der Bahn, weil das Licht viel zu grell und die Luft viel zu schlecht war und konnte dir nichts sagen, nicht einmal schreiben. Das war alles in Fetzen, in Stücken, Bruchteile von Zeiten und Momenten, von denen ich das Gefühl hatte, sie nicht zusammenbringen zu können. Du hast dich aufgeregt und dich gesorgt und dann wieder getrunken, um nicht daran zu denken. Am Morgen war ich froh, meine Tasche nicht verloren zu haben. Und übersah den ganzen Rest. Das mit dem Frühling dauerte noch eine ganze Weile. Und ich ging nicht mehr an all diese Orte, von denen ich wusste, dass du sie magst.

Als es dann wärmer wurde und wir die Sonne verfluchten, vor allem mittags, haben wir uns wiedergesehen. In der Nacht, als sich alle ein bisschen beruhigten, als man auch mal dazu kam, nicht zu schwitzen. Ich erkannte dich an deinem Geruch, der hinter mir vorbeizog und drehte mich um und du hattest den Pullover über der Schulter. Du musst ihn dir noch einmal gekauft haben. Wir tranken etwas und unsere Schultern erkannten sich wieder und diese ganzen ungesagten Sachen waren egal, denn wir wussten, wo wir waren. Und wo wir hinsollten. Und wir tranken noch mehr, weil wir wussten, uns kann niemand helfen. Wir glaubten nicht mehr an Wunder. Aber wir entschieden uns richtig. Und hatten nun beide den gleichen Pullover.

Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Januar 2007 um genau 1:25
Kategorie : Wir | 2 Kommentare


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