Sagoberättare

Die roten Wimpel am Ende der Markise über unseren Köpfen flattertem im Wind. Es pfiff und die Stadt rauschte, auf der Straße fuhren unaufhörlich Autos vorbei, meine Knie lagen in der Sonne und wenn es noch ein bisschen wärmer gewesen wäre, hätte fast Sommer sein können. Während ich mich fragte, warum wir nicht bei all den anderen oder bei oder bei mir waren, lärmte es aus den Fenstern der umliegenden Häuser. Das war kein Tor gewesen, aber vielleicht kurz davor. Plötzlich hast du mich angesehen und gesagt:
„Pass auf. Es gibt so viele Sachen, von denen ich weiß, dass sie großartig wären mit dir zusammen. Zum Beispiel mit dem Auto nach Italien zu fahren oder ans Meer, fernzusehen und sich zu betrinken, mit dir tanzen zu gehen oder einfach nur im Wald spazieren, zu kochen, rumzuliegen, zu flüstern oder zu schlafen. Und wenn ich jetzt mit dir allein fernsehen würde, dann wäre das der Anfang von alledem und ich kenne mich, ich würde sofort all die anderen Dinge auch noch mit dir tun wollen. Und es würde anfangen, mich zu verwirren und mich unsicher zu machen. Und weißt du, man kann auch nicht einfach nur fernsehen, das ist ja gerade. Man kann dabei nicht in zwei verschiedenen Ecken sitzen. Oder wir können das nicht. Du müsstest dabei in meinem Arm liegen. Du müsstest den Kopf auf meiner Brust haben. Ich müsste deinen Atem hören und du meinen. Und wenn ich lache, müsste dir das Bild verwackeln und wenn du lachst, würde ich mich freuen. Und wenn du Durst hast, würde ich etwas zu trinken holen sofort und du müsstest mir danach erklären, was passiert ist und du dürftest dir dabei nicht die Namen der Spieler merken, nur die Nummern und du würdest etwas verwechseln und ich würde wieder lachen und dir würde das Bild verwackeln. Und deswegen würde ich dann auch sofort an all die anderen Sachen denken, die ich mit dir machen wollen würde, denn es wäre bestimmt großartig mit dir fernzusehen und die anderen Dinge wären wahrscheinlich noch viel großartiger und deswegen kann ich nicht einfach mit dir fernsehen jetzt, denn das wäre ein Anfang. Ich kenne mich. Und ich würde damit beginnen, mich emotional hysterisch zu verhalten und würde dir furchtbar auf die Nerven gehen und wir könnten nicht mehr ruhig schlafen und die anderen würden nicht mehr ruhig schlafen und ruhig schlafen ist wichtig und deswegen kann ich einfach nicht mit dir fernsehen“.
Du hast dir mit der Hand über den Bart, über das Kinn, über die Schläfen gestrichen und einen Schluck Wasser aus dem Glas getrunken. Ich schaute auf die roten Wimpel, ich konnte dich nicht ansehen in dem Moment, alles flatterte und du sagstest:
„Weißt du jetzt, warum wir uns weiterhin in Cafés treffen müssen? Weil wir uns noch in ein paar Jahren so nah sein werden und das will ich behalten und es nicht versauen. Weil es doch gut ist, dass es so etwas gibt und dass man die Möglichkeit hat das zu behalten. Auch die Aufregung, meine ich. Denn das ist ja immer alles furchtbar aufregend, wenn wir uns treffen. Und das will ich nicht verlieren. Genau deswegen müssen hier Leute um uns rum sein. Damit ich nicht damit beginne, Sachen zu tun, die mich verwirren würden. Es ist also gut, dass man uns zuhört, dass man uns beobachtet und wir nicht einfach spazieren gehen dort, wo keine Leute sind.“
Die roten Wimpel am Ende der Markise beruhigten sich für einen Moment. Der Kellner brachte uns den Kaffee und ich traute mich kaum zu atmen. Was sagt man jemandem, der gerade erst selbst soviel gesagt hat? Du spieltest an deiner Uhr herum, nahmst wieder einen Schluck, verbranntest dir die Lippen. Der Kellner wischte den Tisch nebenan ab und ich wusste gar nicht, was ich tun sollte, ich wollte trotzdem noch mit dir Fußball schauen. Der Wind zerzauste uns das Haar. Es war der heißeste Sommer seit langem.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. Januar 2007 um genau 17:56
Kategorie : Berlin, Wir | 5 Kommentare