Oh weh

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Ich frage mich, wieviele Leute Schmerzen haben, von denen sie nicht sprechen bzw. die man ihnen nicht ansieht. Ja, die Deutschen seien ein jammeriges Volk, man hört es immer und immer wieder. Alle würden zum Arzt rennen, das sei zwar mit der Praxisgebühr etwas abgeflaut, aber trotzdem sei man ja hocherfreut, dass bald die Discounter Apotheken kämen und man sich für jedes Wehwehchen etwas kaufen könne. Und sie beschweren sich dazu ja auch noch gern. Sagt man.

Ich saß heute also in der Bahn und mich überfiel ein plötzlicher, fieser Magenschmerz, sodass ich dachte, ich müsse eigentlich aussteigen, mich auf dem Boden wälzen und laut aufschreien. Stattdessen atmete ich tief ein, redete mir in Gedanken ruhig zu und warf einen kurzen Blick in die Scheibe. Zu meiner Überraschung schaffte ich es ganz gut, meine Gesichtszüge im Zaum zu halten. Und dass ich blass sei, sagt man mir auch alle zwei Tage, das ist also nichts neues, das gehört dazu.

Ich fuhr in Richtung Zielort, murmelte in Gedanken Entspannungsmantras und zählte die Stationen wie Schweißperlen. Aber ich hielt mich gut. Am Ziel angekommen begannen die eingeworfenen Tabletten ihre Wirkung zu entfalten, ich entspannte mich. Und als ich auf dem Rückweg über die Symptome dieses Virus nachdachte, von denen meine Mittagessensverabredung natürlich sofort sprach, fragte ich mich gleichzeitig, wievielen Leuten gerade wohl etwas weh tut. Und wieviele davon versuchen, das krampfhaft zu verbergen und zu kaschieren. Wieviele davon sich gerade auf die Lippe beißen, die Hände in den Stoff ihres Mantels krallen und die Sekunden zählen. Wieviele gehen abends ins Bett und hoffen einfach, dass es am nächsten Tag besser ist? Wieviele kaufen still und leise irgendwelche Tabletten, weil sie Diagnosen nicht ertragen? Vor allem aber: Wieviele haben Leute um sich herum, die trotzdem spüren, dass etwas nicht stimmt?

Als Antwort auf die letzte Frage kann ich mit einem wohligen Gefühl sagen: “Mindestens eine. Ich.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 31. Januar 2007 um genau 22:18
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 Bunt war das heutige Schwarz

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Wir waren Kinder, die in den 90ern lebten. In den 80ern kamen wir zwar auf die Welt, aber wie das nun einmal so ist, braucht man eben ein bisschen, um sich einzuleben und dran zu gewöhnen, bevor man damit beginnen kann, es zu genießen. Als wir also anfingen, bewusster zu leben, kamen wir gerade in die Schule. Die Wende saß uns in den Knochen, wir waren alle noch ein bisschen wackelig und die Schulbücher kamen aus dem Westen, die Lehrer aber weiterhin aus dem Osten. Während der Unterricht eine Gratwanderung war, aber nicht ganz so schlimm wie die harten Liegen im Ostkindergarten, brauchten wir das pralle Leben, um uns abzulenken. Also saßen wir Jeans-Imitat-Leggins herum, kauten an unseren Perlenketten aus Zucker, kletteten unsere Klettverschlussschuhe auf und zu und tauschten Sticker hin und her, bis sie nicht mehr klebten.

Wir kauten auch die kleinen Kügelchen Kaugummis aus den roten Automaten mit weit aufgerissenem Mund, schlugen uns die Knie auf und passten auf, dass die Schnüre nicht rissen, an denen uns die Brotdosen um den Hals baumelten. Hatten wir kein Kleingeld für die Kaugummiautomaten kauften wir den Suchtstoff in der Stange und drückten Kugel für Kugel aus dem Plastik, das danach Plastikhalbkugel für Plastikhalbkugel eingedrückt wurde. Waren die aus, kauften wir Batman- oder Knightrider-Kaugummis und beklebten unsere Arme mit den darin enthaltenen „Tattoos“. Anlecken, draufkleben, warten, abziehen, fertig. Twix hieß nicht mehr Raider, aber Schnuller hießen immer Schnuller. Also gaben wir den Rest vom Taschengeld für kleine Plastiknuckel aus, die dann neonfarben an Ketten neben unseren Brotdosen um unseren Hals baumelten. Buntes Plastik bedeute uns alles. Badeanzüge und Radlerhosen waren neonfarbig gescheckt und trugen als absolutes Highlight schwarze Sterne. Yps oder Micky Maus hatten regelmäßig diese Schnalz-Armbänder, die man jetzt noch hin und wieder an den Hosenbeinen von Fahrradfahrenden Herrschaften sieht, in passenden Farben als Gimmick dabei. Die dazugehörigen Micky- und Mini-Maus-T-Shirts waren überdimensional groß, die Hosen megaeng. In die Taschen unserer Alternativ-Latzhosen stopften wir Unmengen an kleinen, braunen Plastiktrolls mit neonfarbenen Haaren, die es wie die Schnuller in allen Größen und Farben an jeder Ecke, in jedem Schreibwarenladen und auch in jedem Kaugummiautomaten gab. Wir drehten uns also die Finger wund.

Schreibwarengeschäfte besaßen in meiner Kindheit eine völlig andere Bedeutung. Nach der Schule gingen wir dorthin und kauften saure Schlangen. Wir schauten und bestaunten die durchsichtigen Plastikdosen mit den großen Deckeln, die jeglichen Kleinscheiß und vor allem aber auch Schlümpfe beherbergten. Die wollten wir nicht sammeln, wir sammelten ja schon Trolls und Schnuller und Sticker und Überraschungseierfiguren, die Schlümpfe aber wollten wir nur essen und uns in großen Mengen in den Mund stopfen. Farbe, vor allem unnatürliche Farbe, machte uns total an. Ob grüne oder pinkfarbene Strähnen, die Zunge verfärbende Lutscher von Chupa Chups oder Brausepulver, Haarreifen oder Schnürsenkel. Hauptsache grell, Hauptsache bunt. Von Handies und Internet hatten wir keine Ahnung, unsere Klingeltöne waren essbar und sahen gut aus.

In Sachen Identifikation verließen wir uns ganz auf unsere kleinen Helden. Die Zeiger der FlikFlakUhren, die immer weitermachten, egal, was auch passierte. Die abendliche Geschichte von Bibi Blocksberg oder Benjamin Blümchen oder das samtige Gefühl der Stoffaufkleber unter unseren Fingern. All das lag unter dem Bett, all das war immer da, wenn wir mal das Gefühl hatten, die Welt gerate ins Wanken. Wir waren 90er-Kinder. Wir hatten den Schirm unserer Plastiktenniskäppis tief in die Stirn gezogen. Wir trotzten dem Grau der Realität. Unsere Sandalen mit Stretchband und Gummisohle federten uns ab bei unseren Sprüngen durch die Welt. Wir rissen keine Steine aus dem Sand, aber wir trugen lila Chucks mit der vollsten Überzeugung, obwohl wir schon ein bisschen neidisch waren auf die, deren Sohle hinten rot blinkte, wenn sie mal fest auftraten. Wir waren im Osten geboren, wir wuchsen in den Westen und schwammen strampelnd und sabbernd durch die herrlich bunte Konsumwelt, bis uns die Neonsterne zu den Ohren rauskamen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 30. Januar 2007 um genau 23:14
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 Impingement

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Wir sind beide ein bisschen seltsam geworden mit der Zeit. Wir haben uns umgedreht und wussten ziemlich genau, dass wir keine Augen am Rücken haben und dass der andere nicht sieht, wenn wir uns umdrehen. Und gleichzeitig haben wir gehofft, dass der andere sich umdreht und sieht, dass wir das nicht tun. Aber wir haben beide die Brust geschwellt, ein Hohlkreuz gemacht, dass man meinen könnte, wir hätten das wirklich so gelernt, dabei sind wir so geboren. Wir können das nicht anders.

Dann sind wir losgelaufen. Am Kirchturm vorbei und in dem großen Schneesturm und haben uns immer und immer weiter voneinander entfernt. Und dabei haben wir einen unglaublichen Lärm gemacht, weil wir dachten, wenn der andere das hört, dann dreht er sich um. Bestimmt. Und wenn ich jetzt immer mal aus dem Fenster schaue, wenn die Sicht und das Wetter es zulassen, sehe ich Krähne stürzen und Wände fallen, ich höre Hubschrauberlärm und weiß, du bist wieder irgendwo dagegen gelaufen. Meistens schüttele ich den Kopf, ziehe die Gardinen zu und drehe die Musik auf. Ich will davon nichts wissen, ich will mich nicht umdrehen.

Ich weiß auch noch, wie du angerufen hast den einen Tag. Du hast mir vorgeworfen, ich hätte mich nicht umgedreht, ich hätte nicht gekämpft, nicht gerufen, nichts getan. Aber hast du sie nicht gesehen, all die Kreuzungen, an denen sich der Verkehr staute, weil die Ampeln kaputt waren (ich wollte nicht, dass die Welt so tut, als sei alles wie immer). Hast du sie nicht bemerkt, all die Verspätungen der Züge, Busse und Bahnen? Warst du blind, als du an all den Schlaglöchern vorbeigelaufen bist, die ich mit eigener Kraft und eigenem Fuß, mit eigenem Elan und vollständiger Wut in den Boden gerammt habe? Hast du sie nicht bemerkt, die Dellen in dieser glatten, eigentlich akkurat abgeschnittenen Kante?

Es tut mir leid, dass ich nicht kehrt gemacht habe. Dass ich mich nicht an deinen Fuß gehängt, dir ins Bein gebissen, an deiner Jacke gezerrt und vor deinen Augen auf die Knie gefallen bin. Dass ich nicht im Radio angerufen habe, um dich zurück zu gewinnen. Dass ich nicht zum Fernsehen gegangen bin, um dich in eine dieser widerlichen Sendungen zu holen, bei denen ich an Sonntagabenden manchmal heulen muss, wenn ich Wein getrunken habe, weil diese Menschen sich so unglaublich zum Löffel machen und das vor dem ganzen Land. Vor demjenigen, den sie lieben. Ja, sie müssen das heraussingen und das ohne Ahnung von Tonleitern. Sie wollen das unbedingt zeigen, in dem sie riesige Herzen aus Kerzen auf schneebedeckte Lichtungen in Dorfwäldchen bauen. Es tut mir ja leid, dass ich nicht in deine großen Fußstapfen getreten bin und so getan habe, als seien diese der einzige Weg, den es gibt. Und es tut mir leid, wenn du dachtest, ich könnte so sein.

Es tut mir auch leid, dass es dir in der Schulter zieht, wenn du dich umdrehst. Dass es dir den Nacken verrenkt und dich auf die Knie zwingt, wenn du versuchst, den Kopf zu neigen. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie sich dein Gesicht vor Schmerz verzerrt, weil dir jemand sagt, dass er ohne Bedingung da ist für dich. Aber es tut mir nicht leid, dass ich dir kein Post-It geschrieben habe, dass dich jeden Tag erneut daran erinnert. Ich dachte wirklich, du wärst alt genug. Aber ich habe immer gesagt: “Pass auf. Das wird sich verhärten, wenn du so weitermachst. Das wird so nicht besser.” Und drehte mich nicht um, weil ich wusste, wie du von hinten aussiehst. Immer ein bisschen schief.

Und nun wissen wir, der Winter hat es so an sich, Spuren zu verwischen. Er schmilzt, er weht, er windet und vereist. Und als wir damals an diesem Kirchturm vorbeiliefen - jeder in eine andere Richtung -, in der Straße, über der dieser rote beleuchtete Stern hängt auch nach Weihnachten noch, wurde mir allmählich klar, warum man uns immer fragte, weshalb wir keine Familie seien. Es gibt diese eine Serie, die mir den Spätsommer seufzend machte. Und als der eine Protagonist stirbt, sagt seine Witwe zu der Frau, mit der er sie kurz vor seinem Tod betrogen hat: “Er wollte nur jemanden finden, der ihm das Gefühl gibt, ein besserer Mensch gewesen zu sein, als er eigentlich war”.

(…)”Sie kehrte um. Sie kam. Sie ging.
Schlich Treppen auf und nieder.
Und immer wieder fragte er.
Und immer ging sie wieder.

Sie lief wie durch die Ewigkeit!
Sie weinte. Und er lachte.
Ihr flossen Tränen in den Mund.
Auch noch, als sie erwachte.”
(Erich Kästner)

Aber mein Lieber, ich hoffe, du weißt, dass ich dich besuchen werde, wenn die Karte kommt, die sagt, dass du es allein nicht mehr schaffst. Ich werde da sein und Tee kochen, du weißt, dass ich das kann. Und ich werde nichts sagen sondern lächeln. Und ich werde wissen, dass es dir trotz alledem nicht genügen wird, weil du in deinem Alter immer noch schauen wirst, wer so auf der Straße spaziert und wie kurz die Röcke sind. Und es wird mir gleichgültig sein. Ich werde die Tasse so stellen, dass du rankommst. Ich werde dir die Zeitung zurechtlegen und abspülen, bevor ich gehe, dir die Hausschuhe vor´s Bett stellen. Und ich werde mir nicht zu schade sein. Man muss das nur wissen, mein Lieber. Was einem wieviel bedeutet. Und wer. Dann bricht man sich auch keinen Zacken aus der Krone, wenn man das zeigt, ohne immer Bedingungen daran zu knüpfen. Erschrick nicht, das gibt es wirklich.

Liz hat es verfasst, und zwar am 29. Januar 2007 um genau 2:53
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 Perversität

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(Caro schenkt mir das schönste Geschenk für einen Samstag)

Liz hat es verfasst, und zwar am 27. Januar 2007 um genau 17:13
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 Butterbrot

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Lisa: “Franky, nicht durchhängen!”

Frank: “Ich überleg grad, was wir gemacht haben…”

Lisa: “Wir sind hingelaufen. Ewig. Durch den Schnee. Ohne Papierkörbe und Plan. Dann waren wir da, alles war blau, die Türsteher haben uns reingeworfen, dann standen da Autos im Weg und die kleine Frau hat das Bändchen viel zu lose an meinen Arm gebunden…”

Lisa geht in die Küche und guckt nach den Nudeln. Frank schreib nix und die beiden Essen Nudeln mit Brokkoli.

Lisa: “…dann sind wir durch´s Kraftwerk geirrt. Auf der Bühne in der Mitte spielte eine irre Band mit irren Tänzerinnen. Es gab kein Bier umsonst, alle sahen unglaublich overdressed und total wichtig aus. Die Klamotten waren nicht schön, das Licht ein bisschen cool und wir ein bisschen fehl am Platz. Dann sind wir mit der Bahn nach Hause gefahren. In der Straßenbahn standen uns ein älterer und ein jüngerer Suffi gegenüber. Deren Konversation ging ungefähr so…”

Frank: “Es fing alles damit an, dass Thomas ein cooler Typ war. Dann hat der Jüngere leider sein Handy verloren und konnte ihn nicht mehr anrufen. Anscheinend haben sie sich früher im Steinkeller getroffen und dann hat er nicht nur sein Handy, sondern die beiden haben auch noch den Steinkeller verloren. Damit war das Thema Thomas durch, glaub ich. Sein Problem war nur, er hatte dunkle Haut. Und seine Frau wollte ihn hier rauskriegen, damit er aus den Kreisen rauskommt und seine Freunde nicht mehr sieht. Seine Frau hat ihn gezwungen nach München zu gehen. Dann war er irgendwann wieder in Berlin. Eigentlich konnte sich keiner von beiden mehr erinnern, aber dann ging es plötzlich um den größten Zocker von Mitte. “Zitze?” - “Ey ja, Zitze!”….”

Lisa und Frank essen ihre Nudeln auf und wippen mit den Köpfen.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. Januar 2007 um genau 23:47
Kategorie : Berlin, Wir | 0 Kommentare

 Berg P

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Berlin macht sich ganz gut zur Zeit. Der Schnee liegt noch auf einigen Dächern, der Bäcker aus der Straße hat in der Parallelstraße noch eine Filiale aufgemacht. Die Spatzen werden immer fetter und wir kommen doch auch recht gut zurecht mit all den gefrorenen Pfützen. Blumfeld haben sich aufgelöst, aber gut, es ist Winter und die kommen eh aus Hamburg, das ist ja wieder was ganz anderes. Hier laufen die neuen Videos der alten Bands in der U-Bahn und Record Release Parties werden gefeiert am laufenden Band. Mit ein bisschen Konsequenz bekommt man mitunter einen Job angeboten und freut sich den ganzen Weg nach Hause. Die Leute tragen noch immer dieselben Mützen, ab bestimmten Temperaturen ist es egal, was man trägt, man trägt es einfach nur noch und ein oder zwei Schals machen keinen Unterschied mehr.

Berlin hat sich so eingerichtet gerade. Die Bahnen kommen relativ pünktlich. Man regt sich auf über herabfallende Bahnhofsteile, man koaliert und trennt sich wieder. Die Nasen werden gerieben und die Nerven liegen blanker denn je. So haben wir es gern, so kennen wir es ja. Ich kann immer noch nicht stricken, ich habe immer noch einen Haufen an Zeug, der gemacht werden muss (die großen Wünsche liegen in der Schublade, die hol ich gar nicht erst raus, noch nicht. Die vertragen die Temperaturen nicht. Der Urlaubsantrag ist auch noch relativ steif in der Kniekehle.) und Veränderung soll ja eigentlich auch mit dabei sein. Wir suchen eine Wohnung (die einschlägigen Bezirke, nicht zu teuer, 2 oder 3 Zimmer, ihr könnt ja mal gucken, ihr wisst ja, was junge Frauen so wollen) und beenden das Semester mit den letzten Vorträgen, wir arbeiten und schnaufen aus und gucken und haben am Ende rote Wangen auf all den Schnappschüssen.

Aber die Geschichten bauen sich leise im Kopf. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eine Frage des Durchhaltens. Und wie wir oben schon gelernt haben, ein bisschen Konsequenz und Durchhaltevermögen zahlen sich ja vielleicht nicht nur einmal sondern auch zweimal aus. Daumen drücken. In den Fäustlingen. Ich hab das Gefühl, Berlin und ich verstehen uns ganz gut gerade. Vielleicht ist es aber auch nur Gewöhnung und eine Langspielplatte.

Liz hat es verfasst, und zwar am 26. Januar 2007 um genau 2:06
Kategorie : Berlin | 3 Kommentare

 Eines Jahres Zeit

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Mit einem Kaffeebecher in der Hand, dessen Inhalt noch so heiß ist, dass man weder den Inhalt trinken noch den Becher wirklich halten kann, durch die morgendlichen Winterstraßen zur Bahn laufen. Ohne Musik dabei zu haben, aber zu wissen, welche dabei sein könnte, und sich das als Option offenhalten. Mit einem Gefühl für das Jetzt, wie es selten sonst so klar ist. Weil die Morgen selten so klar sind.

Man hat ja sonst auch in den seltensten Fällen den eigenen Atem vor Augen. Und obwohl die meisten in ihren Gesichtern noch ziemlich in sich gekehrt und zusammengezogen aussehen, wirken sie in ihren Bewegungen ziemlich wach und bestimmt. Die Kälte kriecht in jeden Winkel. Und man muss sich nun einmal zusammenreißen, um sie nicht ganz an sich ranzulassen. Und tritt man an solchen Morgen aus dem Haus, spannt sich der Horizont ganz von alleine auf.

Und vielleicht erinnert man sich an all die kalten Winter zuvor. Weil es so kalt war wie jetzt. Und vielleicht erinnert man sich nicht an den Sommer und den Frühling miteinander, weil es immer so kalt war. Und es flackert vor meinen Augen und ich weiß noch, dass alles taub war. Aber jetzt knackt es wieder unter den Füßen, jetzt klirrt es an den Scheiben, jetzt rauscht es und wütet und tobt und ich habe das lange nicht so genossen. Und trotzdem plärren die Vögel nicht, aber das liegt am Winter. Ich dachte immer, das läge an dir.

Liz hat es verfasst, und zwar am 24. Januar 2007 um genau 13:40
Kategorie : Moi | 1 Kommentare

 Deltamuskel

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Es war noch kalt. Wir wussten zwar schon, wie sich die Sonne anfühlt, aber nur ganz zaghaft und nur tagsüber und deswegen blieb in den Nächten noch nichts davon übrig. Das sogen sie am Tag alle ein und dann, wenn es dunkel wurde, gingen sie in ihre Betten und warteten auf den nächsten Tag und darauf, dass sie die Mütze weglassen konnten am Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Es war nachts also wirklich noch kalt in der Nacht und wir tranken, damit uns wärmer wurde und wir lehnten die Schultern gegeneinander und wussten nicht so ganz, wo wir hinsollten und wo wir eigentlich waren und ob das alles so richtig war. Wir tranken noch mehr, weil wir dachten, dass das helfen könnte. Und ja, wir glaubten noch an Wunder.

Ich entschied mich und ging wieder. Und ich hatte nur diesen grauen, viel zu großen Kapuzenpullover an und meine Socken waren am nächsten Nachmittag noch nass von dem Regen der letzten Nacht. Ich trug diesen Pullover und zog mir die Kapuze tief ins Gesicht. Und setzte einen Fuß vor den anderen und es regnete und ich übersah Pfützen. Und wie immer in solchen Momenten fielen mir nur The Notwist ein. Natürlich erschrak ich, als mich dann morgens um vier bei der Tankstelle am Friedrichshain ein Tourist mit Stadtplan nach dem Weg fragte. Ich wies ihm die Richtung mit der Hand, reden ist meistens zuviel verlangt. Mir war nicht kalt, ich musste mich nur die ganze Zeit darauf konzentrieren wach zu bleiben. Und natürlich wolltest du eine Erklärung und natürlich hatte ich eine Erklärung und natürlich kanntest du diese auch schon, aber man will die Dinge ja meistens hören, weil man hofft, sich zu irren. Und ich stieg aus der Bahn, weil das Licht viel zu grell und die Luft viel zu schlecht war und konnte dir nichts sagen, nicht einmal schreiben. Das war alles in Fetzen, in Stücken, Bruchteile von Zeiten und Momenten, von denen ich das Gefühl hatte, sie nicht zusammenbringen zu können. Du hast dich aufgeregt und dich gesorgt und dann wieder getrunken, um nicht daran zu denken. Am Morgen war ich froh, meine Tasche nicht verloren zu haben. Und übersah den ganzen Rest. Das mit dem Frühling dauerte noch eine ganze Weile. Und ich ging nicht mehr an all diese Orte, von denen ich wusste, dass du sie magst.

Als es dann wärmer wurde und wir die Sonne verfluchten, vor allem mittags, haben wir uns wiedergesehen. In der Nacht, als sich alle ein bisschen beruhigten, als man auch mal dazu kam, nicht zu schwitzen. Ich erkannte dich an deinem Geruch, der hinter mir vorbeizog und drehte mich um und du hattest den Pullover über der Schulter. Du musst ihn dir noch einmal gekauft haben. Wir tranken etwas und unsere Schultern erkannten sich wieder und diese ganzen ungesagten Sachen waren egal, denn wir wussten, wo wir waren. Und wo wir hinsollten. Und wir tranken noch mehr, weil wir wussten, uns kann niemand helfen. Wir glaubten nicht mehr an Wunder. Aber wir entschieden uns richtig. Und hatten nun beide den gleichen Pullover.

Liz hat es verfasst, und zwar am 21. Januar 2007 um genau 1:25
Kategorie : Wir | 2 Kommentare

 Klee

Mir ist heute ein riesiges, vierblättriges Kleeblatt aus meinem Block, den ich seit langer Zeit mal wieder benutzt habe, mitten auf die Hand gefallen. Ein Blatt des Kleeblattes (nicht des Blockes) ist doppelt so groß wie mein Daumenfingernagel. Wahnsinn.

Glaubst du an sowas?

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Und: “Bleibst du stehen oder gehst du weiter? Und weißt du, wie Du stehst? Kennst du den Ort, wo du jetzt hingehst und willst du dahin? Bist du entschlossen? Und warst du schon alt? Bist du online und kannst du mich riechen? Hast du gesehen, wie Spinnen aus den Stromkästen kriechen und Netze in die Ampeln spannen? Und quer über die Brücken im Park? Was tust du, wenn die Ampel auf grau springt? Hast du den Mut dazu, alles in den Sand zu setzen? Siehst du die Risse im Beton? Erinnerst du dich an den Geschmack von Blut? Kannst du den Geruch Deiner Nägel ertragen? Und den von Sex in Deinen Lacken? Hattest du jemals das Gefühl, heute ist der letzte Tag deines Lebens und alles ist genauso, wie es sein sollte? Und wie sollte das sein? Und wer sind die, mit denen du Kaffee trinken willst, in der Stunde vor deinem Tod? Was hast du vorgestern getan? Und wen liebst du morgen? Bist du musikalisch? Ist alles gut so, wie es ist? Wie müsste der Soundtrack deines heutigen Tages klingen? Und an welcher Stelle könnte die Platte einen Sprung haben und du hörst immer nur diese eine Melodie? Nimmst du das persönlich? Und hast du, sei ehrlich, keine Fragen an mich?

Ich weiß nicht, von wem das ist. Aber ich bekam es vor längerer Zeit mal geschickt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 19. Januar 2007 um genau 17:31
Kategorie : Lektüre | 0 Kommentare

 Kyrill live

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19:29 -
Endorphine! Aufregung! Pfützen und Seen und Flüsse und Rinnsale und Kapuzen und zerstörtes MakeUp und durchgeweichte Schuhe und lustige Regenmäntel und grimmige Erwachsene und grinsende Kinder und arme Fahrradfahrer und mitleidige Autofahrer und cruisende Enten und vielleicht ja auch ein Wirbelsturm im Hof wie bei Alice im Wunderland und… Ähm. Abwarten. Es ist ja noch nicht einmal der Donner da.

22:13 - In Berlin wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Bei mir weht nur eine Plane. Caro meint, sie wäre fast von der Oberbaumbrücke geweht worden. Ich komme mir vor, als säße ich in einem Bunker, in dem man nichts mitbekommt. Komisch. Aber rausgehen?

22:31 - Jenny brauchte von der Arbeit in Potsdam bis hierher über drei Stunden. Bäume fallen gewöhnlich ja immer vor die S-Bahn, in der man selber sitzt.

0:38 - Ein bisschen Plane hat sich gelöst. Es hört sich an, als würden immer wieder Sachen vom Haus fallen. Die Warnung gilt bis morgen früh um zehn. Vielleicht fangen die Bauarbeiter ja dann wenigstens nicht um halb acht mit dem Bohren an.

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Januar 2007 um genau 19:29
Kategorie : Berlin | 10 Kommentare


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