Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

2007

Satz:“Das hier ist ein Abschied und wir reden ueber Megabytes.”
Lied: Guther - Still in this town
Blick: Morgens vom Balkon.
Album: Julius - Leise, zusammen
Film: Heima
Buch: Tilman Rammstedt - Wir bleiben in der Naehe
Raetsel: Eine verschollene Postkarte.
Konzert: Uzi & Ari // NBI
Geste: Auf die Augen kuessen.
Wort: Pang.
Bauwerk: Boote aus Nudelpackungen.

Noch schnell.

Auf Wiedersehen sagen. Staub wischen. Aussortieren. Wegschmeißen. Rausgehen. Luft holen. Runterkommen. Im letzten Jahr angefangene Bücher zu Ende lesen. Die Sache mit dem Grundvertrauen nochmal in Angriff nehmen. Flaschen wegbringen. Namen löschen. Wäsche waschen. Adressen aktualisieren. Die Registrierung in der Knochenmarkspenderdatei abschließen. Abonnements kündigen. Abonnements abschließen. Haare schneiden. Die guten Platten oben auf den Stapel legen. Checken, ob die Texte der guten Lieder abrufbar sind. Fenster putzen. Akkus aufladen. Briefe eintüten. Fotos einkleben. Die letzten Seiten beschreiben. Sich im Dazwischen einrichten und die Frage lassen, warum es sich das ganze Jahr über wie ein Dazwischen anfühlt (zwischen den Jahren sind Tage und dazwischen sind Stunden und dazwischen Minuten und Sekunden und dazwischen bist eigentlich nur noch du selbst und wenn du es dann runterbrechen willst, kannst du auch sagen: Zwischen den Jahren, da bist nur du). Hinnehmen. Daumen drücken. Die Vorräte erneuern. Flüge buchen. Immer noch nicht wissen, was kommt. Sich in der Badewanne zurücklehnen und untertauchen, dabei die Augen aufmachen und gucken, inwiefern sich der Ausblick im Vergleich zu diesem Augenblick im letzten Jahr verändert hat. Fäden durchschneiden. Anlauf nehmen.

Als Mindestdicke für die Tragfähigkeit gilt für eine Einzelperson: 4cm.

Sich mit einem Knie auf dem Boden aufstützen, das andere unter dem Kinn, damit man die Schuhe auch sieht, die man bindet, und den Bodenbelag. Mit der Fußspitze einen Kiesel wegschubsen, über die Kälte in Gedanken leise stöhnen und sie doch so vermisst haben, weil es einem schlagartig klar wird im Kopf, wenn man aus der Tür tritt, den Kragen hochklappt, die Hände verstaut. Und das Knacken in den Knien, auch das beim Laufen nur, erinnert an die alten Tage. Die Narben sind mehr geworden, und wenn man mit einer Nadel in die Umgebung piekt, merkt man gar nichts mehr. Auch wenn man das am Anfang nicht glaubt. Ist das einmal richtig gut verheilt, die Nähte einwandfrei, die Fäden gezogen, die Schwellung zurückgegangen, die Haut gut verwachsen, dann spürst du nichts mehr. Kein Haar verirrt sich dorthin, alles wunderbar Brachland. Die Schraube kannst du spüren, wenn du mit dem Finger langsam am unteren Rand der Kniescheibe entlang fährst. In der kleinen Mulde das Harte, damit haben sie es festgezurrt. Da rutscht nichts, das hält.

Sich mit dem Kinn auf der Hand aufstützen, die andere an der Stirn. Es liegt kein Schnee, aber blendet trotzdem. Manchmal ist es nur Gewohnheit, selbst im Dunkeln. Man sieht dadurch nichts besser, aber es fällt dir wenigstens nichts auf die Wimpern, das ist doch auch mal was, wir sind doch Optimisten, wir gucken brav geradeaus. Der Rückspiegel reicht und geht man nach Hause, wird der ebenso brav nach innen geklappt. Die Treppen hinauf, mit der Hand in der Tasche schon den Schlüssel gesucht, wir verschwenden keine Zeit, nur Namen. Mit einem großem Schwung haben sie die Stadt leer gefegt und zurück bleiben alte Damen in Pelzmänteln und ein paar Verirrte, die Mützen tief in der Stirn. In dieser Zeit schneit es hier selten, das war schon immer so. Man klopft sich die Hose ab, wenn man wieder aufsteht und die Schuhe richtig sitzen, ich hätte mir auch mit lautem Geräusch die Klettverschlüsse auf- und zukleben können. Doch du drehst den Kopf plötzlich hin zum Wasser und bewegst dich nicht mehr. Die Enten können schon drauf stehen, schieben ihre Fettbrüste mit Schwung auf die dünnen Platten. Das Kind nimmt Anlauf für nichts. Und die ganze Zeit klirrt es an den Schiffsbäuchen, dem Steinufer, eingewachsenen Bäumen. Unaufhörlich ein leises Zischen, fast ein Zwitschern von zu dünnem Eis.

*

Eine Nachricht an alle? Ja, bitte. Jeder kann das. Die Nachrichtenboxen quellen über, man postet Bulletins, schreibt auf virtuelle Pinnwände, kommentiert hier und da, damit wäre die Pflicht getan. Die Zustände des Bratens werden getwittert, die Weihnachtsmusik erscheint im Messenger, hier bin ich, da bist du, wo war das nochmal?

Die meisten haben das Sprechen verlernt.
Das mit Weihnachten und den guten Dingen für´s neue Jahr, sag ich, wenn wir uns sehen.

Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht.

Hier gibt es die Termine für den Film mit der schönsten Kapuze der Welt. Und dem schönsten schneebedeckten Feld. Und sehr guter Filmmusik. Und einer wunderschönen Eule.

Von einem Raum voller Leute

Dann duftete es. Die kleinen Stäbchen fingen an, sich braun zu färben. Die Scheibe in der Herdtür bestand aus zwei verschiedenen Glasarten, einmal glatt und durchsichtig. Einmal Milchglas. Ich drückte mir an einer gestreiften Aussicht die Nase platt, während sich der Rand der Kohlblätter Millimeter für Millimeter kräuselte. Die Fetttropfen an der schwarzen Herdwand begannen zu zischen, jemand öffnete das Fenster und ich stieß mit dem Knie an das Altglas. In meinem Rücken wurde laut gelacht, Wim sprach, aber ich verstand trotzdem nur Fetzen, er sprach mit vollem Mund, viel zu laut. Er sprach gerne und hörte sich dabei zu. Manch einer hatte glasige Augen, es waren nicht genug Stühle für alle da. Und wenn man ins Bad ging, blieb man dort ein bisschen länger als nötig, weil die Fliesen so angenehm kühl waren und das Wasser sich gut anfühlte, wenn es über die Handgelenke lief. Die Stimmen wurden gedämpft, der Tonfall erinnerte an Filme, die nur mit halber Geschwindigkeit abgespielt werden und man selbst sah die eigenen roten Wangen zwischen den Spritzern am Spiegel. Es klingelte und irgendjemand ging zur Tür, ein Luftzug schaffte es durch die ganze Wohnung, aber blieb nicht lang. Jackenrascheln, Gelächter, alles Gute, ja ja.

Ich habe gedacht, so würden wir nie sein. Mit dem Rücken lehnte ich an der Raufasertapete, meine Socken hatten schon Soßenflecke, ein paar trugen ihre Schuhe noch. Wenn man die ganze Zeit sitzt, werden die Füße schnell kalt, in dieser Wohnung, ach, aber schön groß, nein, das macht nichts. Danke. Aus dem Radio tönten Trompeten, an meiner rechten Schulter wurde es heiß und auf dem Rand der Spüle kippelten drei leere Teller. Sabine hing eine Strähne in den Wimpern, die sie sich nicht aus dem Gesicht strich, die bei jedem Zwinkern zuckte, aber sie beseitigte sie nicht, sondern spielte die ganze Zeit mit dem Plastikpapier der einen Zigarettenschachtel. Heute Mittag hatte jeder, den ich auf der Straße gesehen hatte, mindestens einen Beutel in der Hand oder eine Tüte. Niemand ging mit leeren Händen. Und ich fragte mich, ob in all den Schachteln und Kartons wirklich etwas drin war. Vielleicht gab es welche, die gingen mit Attrappen durch die Stadt, die stellten zuhause ein zwei Teller mehr auf den Tisch, falls jemand spontan vorbeikommt. Und wenn niemand kommt, sagen sie zu sich selbst: „Das war zu erwarten. Aber man muss ja vorbereitet sein“. Vielleicht löschten sie dann den Spruch auf dem Anrufbeantworter, den sie am Vortag aufgeschrieben hatten, bevor sie sich vor das Gerät setzten, um akkurat und mit richtiger Betonung aufzusagen: „Hallöchen, leider bin ich nicht zuhause, denn ich bin im Urlaub. Hinterlasst mir doch eine Nachricht, wir hören uns dann im neuen Jahr. Guten Rutsch!“

Meistens redeten sie über die Vergangenheit oder die Zukunft. Wo bist du die nächsten Monate, ach ja, dieses Jahr war blöd, dieses Jahr war toll, alles muss anders werden, ich will ein besserer Mensch sein, ach wie, ja genau. Übermorgen. Zum Rauchen gingen sie auf den Balkon, die Löffel warfen sie in die Töpfe, Marie zupfte sich wortlos ihr Dekolté zurecht und stellte sich dann neben Tim. Wir hatten alle kleine Augen, das mit den großen Augen war früher, wir wollen jetzt erwachsen sein, wir kochen und reden über Geld und wenn wir mutig sind, schauen wir uns dabei an, auf die Nasenwurzel, auf das Haar in den getuschten Wimpern. Du hast doch keine Ahnung.

Wolfgang hatte noch etwas zwischen den Zähnen, man stand jetzt beim Reden, das klare Glas beschlug, im Milchglas erkannte man keinen Unterschied. Von jedem habe ich die Telefonnummer, von manchen kenne ich die Eltern. Ich weiß von ihren Bettgeschichten. Der eine glaubt, er hat von Liebe keine Ahnung. Der Rest meint, es ganz genau zu wissen. Den Rahmen zu kennen und jeden Pinselstrich, die meisten haben Angst vor sich selbst und vor der Überwindung. Von allen kann ich sagen, wann sie Geburtstag haben, welche Farben sie mögen, was sie vielleicht studieren und wen sie nicht leiden können. Ein paar Geheimnisse kenne ich, noch mehr Fehltritte, Wünsche und die genauen Pläne. Wie sie aussehen, wenn sie weinen. Wie sie aussehen, wenn sie aufstehen oder sich gerade die Kante gegeben haben. Nackt sind. Ich kenne ihre Schrift und weiß die Größe ihrer Klamotten. Und wenn man mich um Rat fragt, weiß ich, wie man nachfragt, wie man motiviert, wie man ernst nimmt und wie man guckt, wenn man nicht so genau weiß, ob es richtig ist. Ich kenne das Gewicht ihrer Köpfe, den Schweiß ihrer Hände, die Namen ihrer Parfums, den Lichtschutzfaktor ihrer Sonnenmilch. Die Fetttropfen hatten sich eingebrannt. Die Hitze kam durch die dicken Handschuhe, Dampf legte sich auf die Stelle über der Mitte meiner Oberlippe. Der Rand der gusseisernen Form war schwarz angelaufen, die Rouladen glitzerten goldbraun, die Soße blubberte, Tine schob das Blech unter meinen Armen hindurch zurück in den Ofen. „I could write a book about your life. You could never write a word about my life. Not a word. Not a word”. Hände mit leeren Tellern streckten sich mir entgegen und ich tat auf. Jedem eins, jedem seins. Mein Kopf wiegt fünf Kilo. Nur, dass du´s weißt.


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