Der will nur gestreichelt werden

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Vor dem Roten Salon tummelten sich die Massen. Nicht alle wollten dort hinein, draußen war es ja auch kalt, die meisten dann aber doch und so sammelte man sich auf orangefarbenen Plastikstühlen und roten Sofas bei allerlei Getränk in Knubbelflaschen. An Generationen hatte es wohl drei bis vier, genau kann man das bei diesen Menschenaufläufen in der heutigen Zeit ja auch nicht mehr ausmachen, es sucht sich ja jeder das Beste raus aus den modischen Glanzzeiten aller Jahrzehnte und am Ende weiß man nicht mehr, wer jetzt eigentlich jung oder alt oder so mittel ist, weil das ja eh alles retouchiert und völlig umgekrempelt ist. Jedenfalls war meine Mama auch da, soweit war ich schon. Eine halbe Stunde nach eigentlicher Startzeit kam Gotti dann endlich auf die Bühne, ein jeder hustete nochmal eben ab und dann ging auch schon gleich das los, was man unverblümt eine formidable Abendunterhaltung nennen kann.

“Tiere streicheln Menschen”, eine Actionlesung mit Martin Gottschild, beschert mir jedes Mal auf´s Neue ein abendfüllendes Dauergrinsen gespickt mit einigen durchaus herzhaften Lachern. Mit tiefer Stimme, die nur hin und wieder von einem Frosch im Hals in ungeahnte Höhen gelockt wurde, las Gotti, wie nur er das kann. Keine großen Emotionen von seiner Seite, die Worte sprechen für sich und die Betonungen nüchtern aus, damit der Witz das Ruder übernehmen kann. Würde man das selber lesen, es wäre wahrscheinlich nur halb so schmackhaft. Aber dennoch lecker.

Am gestrigen Abend ging es also um Gottis Heimatbezirk, den Wedding. In “Oh Wedding, mein Wedding” erzählt er von seinen gnomig anmutenden Hausmitbewohnern und dem Charme des Bezirks in alter Genauigkeit. Nach kurzer Musikpause geht es gleich weiter mit einer Exkursionsbeschreibung von Rüdiger Nehberg, seinerseits hauptberuflich Dia-Vortragsleiter und Sir Vival. Es folgt eine gesangliche Einlage von Elis. Ein Lied über seinen Traumberuf Pornostar, ein anderes über seine unerfüllte Liebe zu einer Schülerlotsin (“Schülerlotsin mit hochgesteckten braunen Haaren, ohne dich hätten sie schon tausend Kinder überfahren, ich liebe dich!”). Es folgt eine Beschreibung von Fuchs, einem Bandmitglied der Kapelle des Autoren, die sogleich mit einer grandiosen Ausführung des Ortes Luckau verbunden wird. Fuchs kommt aus Luckau, Luckau ist spannend, Verbindung hergestellt. Ein Gedicht noch für den Freund und dann kommt auch schon das erste Filmchen namens “Durch das Warten wachsen”. Ein junger Student setzte hierbei eine gewisse Zeitspanne dadurch kunstvoll in Szene, dass er den Haarwuchs an verschiedenen, nicht immer schön anzusehenden Körperstellen dokumentierte, dazu ein paar verrückte Hintergrundszenen und hopps haben alle Spaß.

Nach einem Päuschen legten Sven und Gotti gleich mit einem zweistimmigen Schlagermedley los (”Ich bin ein Vagabund der Liebe”), Sven total verliebt, Gotti eher angeekelt, aber trotzdem hochprofessionell. Was folgte, war eine Geschichte über Gottis Jugend in Pankow und seinen Besuch in der Freiluftdisko Erkner. Ein paar auf´s Maul gab´s ja immer. Seine Mutter schlug die Hände vor´s Gesicht, lachte aber dennoch herzlichst. Die letzte Geschichte des Rahmenprogramms handelte von Melanie mit der Bomberjacke, von der Gotti seinen ersten Zungenkuss bekam. “Mädchen mit Bomberjacken fand ich immer irgendwie scharf, die erinnerten mich so an McGyver”. Zwei Zugaben gab´s: Den Fluch und Die Apokalypse. Alles prima, alles gut. Gerne wieder, gerne bald. Applaus. Sollte Ihnen diese Lesung mal über den Weg laufen, gehen Sie hin. Wir wissen alle, lachen ist gesund und Vitalität ist ja bekanntermaßen im Trend. Wortwitz und Gotti werden es ihnen danken. Ich übrigens auch.

Liz hat es verfasst, und zwar am 20. Oktober 2006 um genau 10:47
Kategorie : Berlin | 8 Kommentare

 Heating up from the inside

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Ich habe Angst vor Mikrowellen. In unserem Haushalt befindet sich eine, wir haben die nicht gekauft, sie steht auch nicht im Mietvertrag, sie ist Dauerleihgabe von den Hauptmietern und wir behandeln sie mit außerordentlichem Respekt.

D.h. die eine Hälfte des Haushalts hat sich ziemlich gut mit ihr angefreundet, die gehen immer zusammen einen trinken, schnacken und verstehen sich wie Hase und Igel. Die andere Hälfte bin ich und die traut sich nicht. Als ich noch bei Mama gewohnt habe, gab es keine Mikrowelle und die in der ersten WG hat mich auch nicht interessiert. Ich war froh, einen Gasherd zu haben und kaufte immer fleißig Streichhölzchen. Die Beziehung zwischen der Mikrowelle und mir war rein oberflächlicher Natur. Sie steht da und miemt den grimmig guckendenden Wauwau unserer Küche. Ich gucke nett, gehe ihr aber sonst eher aus dem Weg.

Und jetzt weiß ich auch, warum. Julius besingt die Funktionsweise von Mikrowellen auch in einem seiner Lieder. Und ich finde es wirklich gruselig, dass mein Gemüse und der eigentlich dazugehörige Käse innerlich so sehr vibrieren, dass ihnen ganz heiß wird. Außerdem war der Käse nach dem erlösenden Pling heute bei der Premiere irgendwie überall, nur nicht mehr auf dem Gemüse.

Es fühlt sich einfach komisch an, wenn die Dinge innen wärmer sind als außen. Aber Menschen sind ja auch öfter so, hab ich mir sagen lassen. Vielleicht sollte ich mich also langsam an diesen Fakt gewöhnen.

(Milch mach ich mir trotzdem nur noch auf meinem Kumpel Gasherd warm. Is klar, ne?!)

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Oktober 2006 um genau 18:17
Kategorie : Fundstücke | 0 Kommentare

 Nachtrag zu Ring Generalship

Und weißt du, wer gewinnt?

Ich hab´s in den Regeln nachgeschlagen… “Wenn beide Boxer keine klaren Treffer landen, gewinnt der aktivere Boxer die Runde.”

Gut zu wissen, dass Engagement belohnt wird. Opa hat immer gesagt: “Wer sich traut, der kriegt am Ende dann den Kuchen.”

(Wird hier eigentlich der Eindruck vermittelt, ich würde in letzter Zeit zu Aggressionen neigen? Falls dem so ist, möchte ich hinzufügen: Gestern war Tag der geäußerten Aggressionen. Das heute sind die Nachwehen. Und morgen bin ich wieder brav wie ein Lamm auf dem Spieß. Andere haben ihre fünf Minuten, ich brauch wie immer etwas länger)

Liz hat es verfasst, und zwar am 18. Oktober 2006 um genau 13:28
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Ring Generalship

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Das ging immer alles ganz schnell am Morgen. Du bist aufgesprungen, hast dem Tag eine gescheuert, damit er es nicht zuerst tat und ich hab mich geduckt, im Halbschlaf noch die Beine wieder an den Körper gezogen und die Augen noch nicht aufgemacht. Das mit dem Zögern hab ich von damals, das ist mir jetzt klar, man wird ja auch älter. Du hattest Antifaltencreme und ich hatte meine Jugend, die mir zwar müde noch, aber dafür hartnäckig in den Knochen steckte.

Es gab keine Küsse, keinen Blick, du hast die Beine aus dem Bett gehoben und damit auch wieder weiter weg. Wenn du gestriegelt und geschniegelt aus dem Bad kamst, strich ich mir die Haare verquer über den Kopf, zupfte die Wimpern vom Kopfkissen und rollte mich aus den Laken. Wie wunderbar du Tag und Nacht entzwei geschnitten hast, genauso ordentlich und ohne zu krümeln wie das Brot am Frühstückstisch. Denn, wenn ich kam, war alles schon gedeckt. Kaffee in der Tasse, Brot auf dem Teller, du hattest keine Zeit für Spirenzchen oder Gesten.

Aber wenn ich abends meine Hand wegzog, um mich langsam und gemächlich auf den Morgen einzustimmen, hast du das nicht zugelassen und mich nicht fort von dir. Einmal, als ich morgens doch wieder eingeschlafen war, hast du ein Foto gemacht. Von meiner Hand. Wie sie noch dort lag, wo du sie hast liegenlassen. Eingeschlafen und abgehängt.

“Da muss Blut rein”, hatte mein Opa gesagt, wenn etwas eingeschlafen war. “Steh auf, lauf rum, beweg dich”. Da muss immer Blut rein. Als du gegangen warst, stand ich auf, lief herum und mein Herz tat, was es konnte. Eins zwei drei im Sauseschritt. Ich wachte jeden Morgen wieder auf, aber das mit dem Ausholen klappte noch nicht so. Dann habe ich einen Boxsack bestellt. Der Postbote schleppte ihn in einem großen Karton herauf, ich hatte ihn schon fast wieder vergessen. Da hängt er nun und glotzt mich jeden Morgen so blöd an, dass man ihm einfach eine reinhauen muss.

Liz hat es verfasst, und zwar am 17. Oktober 2006 um genau 22:49
Kategorie : Blicke | 0 Kommentare

 Oh the heart beats in its cage

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Ihre Hand fiel vom Bett, er bekam es nicht mit. Er wog sich in abendlicher Leichtigkeit, den Krimi auf dem Bauch, den Kopf an die Rauhfasertapete gelehnt. Das gedimmte Licht machte die Bühne frei für den Wind, der langsam kälter wurde und schon das Eis ankündigte, das in zwei drei Monaten an den Fenstern Blumen machen würde. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen, sie hatten den sonntäglichen Tatort gesehen, sie hatten sich ganz und gar in sich selbst eingewickelt. Sie hatte brav genickt, er hatte den Unterschied nicht bemerkt. Hauptsache ihre Hand lag auf seinem Bauch, wenn er las. “So don´t teach me a lesson cause I´ve already learned.” Ob sie schon schlief, war nicht von sonderlich großem Interesse. Der Radiowecker war gestellt und blinkte leise vor sich hin, während die Schlappen startbereit unter der Bettkante warteten.

Aber ihre Hand fiel vom Bett, von ihm unbeachtet. Sie jedoch hatte große Probleme, den Schein vom Schlaf geschlossener Augen zu wahren. Ihre Finger spürten, dass das dicke große Buch nicht weit entfernt war. Irgendwo neben der Kiste musste es liegen, dort lag es immer. Er hatte den Duden gerne griffbereit, er schlug gern etwas nach. Denn Unwissen war ihm neben dem Kontrollverlust der größte Feind. Und sie wusste, wo nachzusehen war. Ihre Hand tastete sich langsam an den Rändern des Kartons entlang, der unter dem Bett neben dem Nachtschränkchen stand. Ihr Gesicht lag bewegungslos auf dem Kissen, während sich sein Brustkorb langsam hob und senkte. Sein Atem wurde ruhiger, je mehr Seiten er geräuschvoll umblätterte.

Sie wollte nur wissen, ob er noch dalag. Ob sie die Entscheidung selber treffen durfte und in dem Moment, wo sie bereit dazu schien, alles vorbereitet war. Ihre Fingernägel spürten den Einband, die Kuppen strichen langsam über den Buchrücken. Alles war noch an Ort und Stelle. Kurz nach dem Einschlafen sollte es ihn treffen. Dann, wenn Arme und Beine noch zucken, der Atem aber schon völlig losgelöst von der bewußten Kontrolle regelmäßig seine Runden dreht. Dann, wenn die Träume beginnen und sich auftürmen zu Gebirgen, die mächtig vor einem liegen und man weiß, man hat alle Zeit der Welt. Für eine Nacht. An seinem Atem hörte sie, dass er eingeschlafen war. Und ihre Hand packte das Buch, der Arm nahm Schwung.

Sie fuhr ihn erst zum Krankenhaus, als sie den blutigen Bettbezug in die Waschmaschine gestopft hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen vor Schmerz und Entsetzen, er stieß sich den Kopf am Autodach beim Einsteigen und im Radio dudelten die Strokes. Ihm war kalt, aber er fragte nicht. Im Krankenhaus sagten sie, der Bruch sei glatt, die Nase würde schon bald wieder aussehen wie früher. Sie hielt ihm die Hand, sie konnte nichts dafür, dass sein Schwanz seinen Intellekt hin und wieder ausschaltete. “See I´m stuck in a city but I belong in a field”. Sie redeten nie wieder darüber. Und es machte keinen großen Unterschied.

Als ein paar Jahre später im Winter Blumen aus Eis sein Fenster zuwucherten und er den Fön aus dem Bad holen musste, um sie öffnen zu können, erinnerte er sich an diesen Abend und daran, wie gut sie die Flecken aus dem Bezug bekommen hatte. Es war nichts mehr zu sehen davon. Auch von ihr nicht. Er hatte es kaum bemerkt. Nur hin und wieder, wenn Regen kam, rieb er sich über den Nasenrücken ohne zu wissen, warum. “Now it´s three in the morning and you´re eating alone.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Oktober 2006 um genau 1:21
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare

 Schnäuzen

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Berlin hat einige unangenehme Eigenschaften. Es stinkt, besonders im Winter ist es sehr unfreundlich zu einem und wenn man nicht aufpasst, bleibt man viel zu lange, ohne es zu merken. Berlin hat zerzaustes Haar, Augenringe und einen rauhen Ton. Natürlich kann es mit diesem einem auch reichlich charmante Schmeicheleien ins Ohr pusten, meistens jedoch ist es dazu jedoch viel zu beschäftigt. Berlin atmet so laut wie lange niemand, als habe es unaufhörlichen Schnupfen. Jeder Seufzer, jedes Murren und Lachen wird multipliziert und durch alle Kanäle geschickt, damit es auch niemand verpasst.

Berlin macht alles mit und nimmt alles, was kommt. Berlin tütet ein, schüttelt es einmal durch und am Ende kommt Grießbrei dabei heraus. Eine dicke Soße, bei der man hier und da noch ein Schmankerl findet, aber eigentlich wird alles in einen Topf geworfen, umgerührt und fertig is. Die Zugezogenen glauben, sie finden hier ein Mekka für Individualität. Alle, die anders sind und ach wie kreativ dürfen sich hier ausprobieren, die Mauer küssen und finden am Ende das große Glück. Die Ansässigen schmeißen sich entweder mit Bauchklatscher dazu oder ziehen sich kopfschüttelnd zurück. Und wem beides nicht passt, der steht dann da wie ich. Wir saßen beim Abendbrot in der Alten Schönhauser und mein Gegenüber sprach mir direkt aus dem Herzen, als sich mein Strohhalm mal wieder an meiner Zunge festsaugte, während mein Blick an jungen Mädchenhintern in Jeansröcken mit Leggins und Turngeschuh hängenblieb.

“Früher konnte man sich noch halbwegs drauf verlassen, dass Menschen, die ähnlich gekleidet waren, auch eine ähnliche Mentalität vertraten. In München wusste man: Ok, so doof kann der nicht sein. Aber in Berlin und London ist die Seuche ausgebrochen. Die größten Arschlöcher sehen hier genauso aus wie man selbst.”

Vielleicht ist das der Schnupfen. Raus muss es. Weg damit. Und ich ziehe die Nase hoch, während ich feststelle, genauso langweilig auszusehen wie alle anderen auch. Die Taschentücher sind aus. Und Servietten gibt es wahrscheinlich erst wieder an der nächsten Abfahrt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 13. Oktober 2006 um genau 19:44
Kategorie : Berlin | 12 Kommentare

 Marstrand

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Wir hatten die Nase gewaltig voll. Von den Erwartungen, die man an uns stellte, von leeren Kühlschränken und dem Lärm einer Stadt. Wir mieteten ein Auto, fuhren auf die Autobahn und hörten einer schwedischen Märchenstunde zu. Ein alter Mann erzählte einem Kind von einem Bären. Das Kind fragte immer wieder nach und obwohl ich nur die Hälfte verstand, war das irgendwie das Einzige, was man auf dieser Fahrt raus aus Göteborg hören konnte, ohne verrückt zu werden. Wir hielten an einem Supermarkt, luden uns den Kofferraum voll mit kleinen Köstlichkeiten und fuhren auf die Inseln im Norden der Stadt. Über die große Brücke, über die ich zwei Jahre zuvor schon einmal gefahren war. Damals sah man fast nichts, weil die Wolken direkt auf Kühlerhaube und Windschutzscheibe lagen. Aber dieses Mal standen sie wie bestellt vereinzelt am Himmel und taten keiner Fliege was zu leide.

Auf den kleinen Inseln gibt es viele Straßen, aber wenig Schilder. Wir kurvten so herum - mittlerweile zu Ampl:tude - und suchten das Wasser. Der Plan war, einfach dort zu bleiben, wo es Wasser gab und keine Bären. Wir trafen Gutsherren mit Mistgabeln und planschende Familien, wir trafen Schafe und diesen alten Mann, der den ganzen Tag auf einer runden Bank unter dem Baum direkt an einer Kurve saß und Pfeife rauchte. Wir hatten keine Karte dabei und unser Stadtgedächtnis führte uns ein Dutzend Mal an ihm vorbei. Er winkte immer und immer wieder. Und wir hatten die Orientierung verloren.

Irgendwann fing Björn an zu summen. Erst nur eine Melodie, danach ein paar Worte dazu. Ich verstand ihn kaum, er nuschelte anfangs noch. Als ich kurz vor der Schranke erkannte, was er da sang, war alles gut. Wir hatten die Stadt hinter uns gelassen und waren mit Kid Ikarus endlich angekommen: “Raus aus der Pumahöle! Rein in den Sommerschein! Hier bist du nicht allein. Ein zu dickes Kind auf einem zu kleinen Fahrrad fährt brüllend gegen die Wand. Komm, sei kein Nerd, und gib dem Leben die Hand.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 11. Oktober 2006 um genau 13:46
Kategorie : Moi | 1 Kommentare

 When you were young

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Als die Mauer fiel, war ich fünf. Ich habe also die prägende Phase in einem DDR-Kindergarten verbracht. Brunnenstraße, ungefähr einhundert Meter von der Mauer entfernt. Das weiß ich jetzt, damals war mir nur klar, dass der Spielplatz direkt um die Ecke war. Der Alltag eines Kleinkindes war straff durchorganisiert, alles hatte seinen Platz. Wenn meine Mutter mich um halb sieben im Babyauffangbecken ablieferte, damit sie um sieben auf der Arbeit sitzen und Kleider für Exquisitmoden schneidern konnte, wurde mir von der Erzieherin sofort mein Platz für den heutigen Tag zugewiesen: “Lisa! Ab in die Puppenecke!”. Gestern abend standen meiner Mutter wieder fast Tränen in den Augen, als sie davon erzählte, wie meine kindlich hilflosen Rufe hinter ihr her hallten: “Mama, ich will nicht in die Puppenecke. Ich will doch viel lieber bauen!”

Hatte man den Morgen in der Puppenecke überlebt, hieß es vor dem Mittagessen erst einmal Mund halten. Denn die Erzieherin, deren liebster Kittel lila war und die ihre Frisur jeden Morgen so in Form föhnte, dass nichts und niemand dieser etwas anhaben konnte, bekam ihre täglichen Kopfschmerzen. Waren diese im Anmarsch, sammelte sie die Kinder ein, schloss sie von ihren Spielzeugen los und setzte sie an den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Da saßen wir nun. Der linke Arm hatte vor uns zu ruhen, direkt am Körper, Hand flach auf den Tisch. Die Stühle waren so nah an den Tisch geschoben, dass einem das Atmen schwer fiel. Der rechte Zeigefinger musste über dem Mund liegen. So, wie es die Omas immer tun, wenn es heißt: Psssst. Ellbogen direkt neben der linken Hand aufgestützt. So saßen wir. Eine Stunde, bevor man uns zum Mittagessen erlöste. Fing jemand an zu lachen, was nicht selten vorkam, wenn fünfzehn Kinder einander gegenüber an einem Tisch saßen, wurde die Position gewechselt und die Arme sollten hinter dem Rücken verschränkt werden. Haben Sie jemals eine halbe Stunde lang mit hinter der Lehne verschränkten Armen gesessen? Ich versichere Ihnen, sie können danach keine Suppe mehr löffeln ohne zu kleckern.

Mittagessen. Es flatschte und matschte auf den Teller. Gekleckert werden durfte nicht. Liegengelassen werden durfte auch nichts. Und auf dem Tablett für die leeren Teller stand immer noch ein kleines orangefarbenes Eimerchen. “Angeblich” für die Reste. Hieß es jedoch vor dem Startschuss “Guten Appetit” aber immer noch in freundlichstem Kasernenton: “Aber der Eimer bleibt leer!”. Was tun Sie als Kind, wenn Sie genau wissen, dass Ihnen von den Speckstückchen in der Kartoffelsuppe das Kotzen kommt? Was tun Sie, wenn Sie genau wissen, dass Sie - sollte Sie sich aus Versehen übergeben, weil Sie ja ihr Bestes geben und gefallen wollen, indem Sie sich an dem Speck versuchen - im fies gekachelten Bad- und Toilettenraum (ohne Türen vor den Klos) Ihren Mittagsschlaf halten müssen? Sie versuchen, beides zu umgehen. Und so kam es, dass meine Mama regelmäßig Fleischstücke in meinen Hosen- und Jackentaschen fand, wenn wir wieder zuhause waren.

Danach sollte eigentlich der Mittagsschlaf folgen. Auf harten Liegen ohne Matratze, auf dem Rücken und mit den Armen auf der Bettdecke. Haben Sie jemals beim Einschlafen außerhalb eines Krankenhauses so gelegen? Bewegung war verboten. Schnupfen auch. Man entwickelt so seine Techniken. Leises An- und Entspannen der Muskeln retten die Beine vor dem Einschlafen. Diese wochenlang ausgetüfftelte Technik funktionierte aber nur solange, wie man immer dieselbe Liege zugewiesen bekam. Denn dort hatte man die knarzenden Stellen ausgemacht und wusste, welche Bewegung ohne Geräusch von statten ging und welche nicht. Hatte man aber Glück, kamen vor dem Mittagsschlaf noch die Leute von den Modenschauen. Die suchten immer kleine, niedliche Kinder für ihre Shows, denen man dämliche Hüte aufsetzen und sie über den Laufsteg schleifen konnte. Müde, wie sie waren, machten die dann natürlich keinen Mucks und alles mit. Ich durfte auch hin und wieder mitlaufen, hatte jedes Mal Angst vor diesem grellen Licht und den vielen Leuten, aber irgendwie war alles besser als über eine Stunde leichengleich auf diesen Liegen vor sich hin zu sterben.

Als Mutter eines Mäkelkindes hatte man es nicht leicht. Ich hasste Apfelschale und rohe Zwiebeln. Und ja, wir hatten Obst im Osten. Äpfel gab´s. Allerdings keine Erzieherinnen, die gewillt gewesen wären, einem Kind den Apfel zu schälen. Meine Mama war allerdings sehr drauf erpicht, ihrem Kind Vitamine zuzuführen und bat also die Erzieherin zum Gespräch. Sie fragte, ob es denn nicht möglich sei, mir die Äpfel zu schälen. Daraufhin brach Frau Lila Kittelschürze mit ihren fünfzig Jahren in Tränen aus. Meine Mutter mit ihren dreiundzwanzig wusste gar nicht recht, wie ihr geschah. Mit dieser Bitte würde sie das komplette System in Frage stellen. Und wie könne sie es wagen, dreißig Jahre Berufserfahrung so anzuzweifeln. Die Erzieherin machte meiner Mutter einen Termin beim staatlich anerkannten und ausgesuchten Psychologen, denn es könne doch nicht sein, dass eine Mutter so an ihrem Kind hänge.

Aber irgendwie war immer alles wieder gut, wenn Mama mir abends vorlas und wir zusammen in der Küche saßen und Quatsch auf Kassettenband sprachen. Neulich fand ich eine, auf der ich meinte: “Die Olle [Erzieherin] hat eh einen Knall, Mami. Mach dir nichts draus!

Liz hat es verfasst, und zwar am 10. Oktober 2006 um genau 15:06
Kategorie : Moi | 16 Kommentare

 All the best

Es fühlt sich nicht anders an als sonst. Aber doch noch einmal auf den Punkt gebracht, wenn sie sich alle versammeln und laut tröten. Mit Pauken und Trompeten, mit Kuchen und den breitesten Grinsen der Saison, mit Liedern und Raketen. Und ich kann da nur stehen und keine Worte finden. Ich kann da nur stehen und alle auf einmal in den Arm nehmen wollen. Und merken: “Ich bin zu klein, ich bin einfach zu klein.”

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(Danke.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Oktober 2006 um genau 3:24
Kategorie : Wir | 20 Kommentare

 Adult Version

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Sufjan sagt: All things go. Jetzt kann ich noch sagen, ich hab mich lange nicht so über Wolken gefreut. Jetzt kann ich noch sagen, es ist nicht so schlimm, wenn all die Kastanien von ihrem Sturz aus dem Fenster völlig lädiert und unbrauchbar sind. Jetzt kann ich noch glauben, dass ist doch alles ganz nett, wenn man nicht mehr so schwitzt, sobald man das Haus verlässt. Jetzt kann ich noch versuchen, mich anzufreunden, das alles sehr interessant zu finden und mit den Gummistiefeln zu flirten. Ich kann die Kapuzenpullover lauthals begrüßen, ihnen ein bisschen Weichspüler spendieren und fühle mich nicht dazu gezwungen. Wenn man früher beginnt, als es nötig ist, macht man die meisten Dinge lieber. Bevor es zu spät ist und man es tun muss, weil man sonst nicht überlebt. Wenn man jetzt schon damit beginnt, sich einzurichten, den Bau zurecht zu wurschteln, die Decken aufzuschütteln, dann liegt alles bereit. Dann ist man nämlich ganz entspannt, wenn die Sonne es sich noch einmal anders überlegt, wenn der Sommer leise juchzt und der Herbst schon seufzt, weil er nicht mehr warten will.

Es erschrecken sich die, die immer warten bis zum letzten Augenblick. Denen zittern dann die trockenen Finger, denen spannt dann die Haut. Und dann geht es los, das Gerenne. Stell dich an den Rand und warte, du hast den Teppich schon ausgerollt. Und im Innern alles angeschlossen, was nicht verloren gehen darf die nächsten sechs Monate. Man muss nur vorbereitet sein. Denn da, wo wir im Sommer saßen, sammeln sich jetzt Tropfen in Pfützen, da rinnt es schon. Natürlich springt Berlin bei jedem bisschen Sonne aus dem Fenster. Aber bei Ebay gibt es keine Sprungtücher. Und die Freiwillige Feuerwehr in der Oderberger rückt auch nur aus, wenn es brenzlig wird. Da zählt keine Unachtsamkeit, da zählt nur Wagemut.

Wie sie gucken werden, wenn ich noch im Februar von meinen Vorräten zehre. Während sie bei Oma zuhause alles in sich hineingeschlungen, aber nichts aufgehoben haben. Und dann beginnen zu frieren, obwohl das Fett über ihre Hosen quillt, kunstgebräunt natürlich. Ich lerne warten und stimme nun doch zu, dass es in Filmen meistens lustig ist, wenn sich jemand den Kopf stößt. “Bis Dezember ist es ja immer ganz nett, aber danach wird es grausam”, sagt man so. Horten wir Honig und gewöhnen die Katze wieder an die Wohnung. Jetzt schon. Jetzt können wir noch sagen, wir haben es ja so gewollt.

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Oktober 2006 um genau 14:25
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare


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