Oh the heart beats in its cage

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Ihre Hand fiel vom Bett, er bekam es nicht mit. Er wog sich in abendlicher Leichtigkeit, den Krimi auf dem Bauch, den Kopf an die Rauhfasertapete gelehnt. Das gedimmte Licht machte die Bühne frei für den Wind, der langsam kälter wurde und schon das Eis ankündigte, das in zwei drei Monaten an den Fenstern Blumen machen würde. Sie hatten gemeinsam zu Abend gegessen, sie hatten den sonntäglichen Tatort gesehen, sie hatten sich ganz und gar in sich selbst eingewickelt. Sie hatte brav genickt, er hatte den Unterschied nicht bemerkt. Hauptsache ihre Hand lag auf seinem Bauch, wenn er las. “So don´t teach me a lesson cause I´ve already learned.” Ob sie schon schlief, war nicht von sonderlich großem Interesse. Der Radiowecker war gestellt und blinkte leise vor sich hin, während die Schlappen startbereit unter der Bettkante warteten.

Aber ihre Hand fiel vom Bett, von ihm unbeachtet. Sie jedoch hatte große Probleme, den Schein vom Schlaf geschlossener Augen zu wahren. Ihre Finger spürten, dass das dicke große Buch nicht weit entfernt war. Irgendwo neben der Kiste musste es liegen, dort lag es immer. Er hatte den Duden gerne griffbereit, er schlug gern etwas nach. Denn Unwissen war ihm neben dem Kontrollverlust der größte Feind. Und sie wusste, wo nachzusehen war. Ihre Hand tastete sich langsam an den Rändern des Kartons entlang, der unter dem Bett neben dem Nachtschränkchen stand. Ihr Gesicht lag bewegungslos auf dem Kissen, während sich sein Brustkorb langsam hob und senkte. Sein Atem wurde ruhiger, je mehr Seiten er geräuschvoll umblätterte.

Sie wollte nur wissen, ob er noch dalag. Ob sie die Entscheidung selber treffen durfte und in dem Moment, wo sie bereit dazu schien, alles vorbereitet war. Ihre Fingernägel spürten den Einband, die Kuppen strichen langsam über den Buchrücken. Alles war noch an Ort und Stelle. Kurz nach dem Einschlafen sollte es ihn treffen. Dann, wenn Arme und Beine noch zucken, der Atem aber schon völlig losgelöst von der bewußten Kontrolle regelmäßig seine Runden dreht. Dann, wenn die Träume beginnen und sich auftürmen zu Gebirgen, die mächtig vor einem liegen und man weiß, man hat alle Zeit der Welt. Für eine Nacht. An seinem Atem hörte sie, dass er eingeschlafen war. Und ihre Hand packte das Buch, der Arm nahm Schwung.

Sie fuhr ihn erst zum Krankenhaus, als sie den blutigen Bettbezug in die Waschmaschine gestopft hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen vor Schmerz und Entsetzen, er stieß sich den Kopf am Autodach beim Einsteigen und im Radio dudelten die Strokes. Ihm war kalt, aber er fragte nicht. Im Krankenhaus sagten sie, der Bruch sei glatt, die Nase würde schon bald wieder aussehen wie früher. Sie hielt ihm die Hand, sie konnte nichts dafür, dass sein Schwanz seinen Intellekt hin und wieder ausschaltete. “See I´m stuck in a city but I belong in a field”. Sie redeten nie wieder darüber. Und es machte keinen großen Unterschied.

Als ein paar Jahre später im Winter Blumen aus Eis sein Fenster zuwucherten und er den Fön aus dem Bad holen musste, um sie öffnen zu können, erinnerte er sich an diesen Abend und daran, wie gut sie die Flecken aus dem Bezug bekommen hatte. Es war nichts mehr zu sehen davon. Auch von ihr nicht. Er hatte es kaum bemerkt. Nur hin und wieder, wenn Regen kam, rieb er sich über den Nasenrücken ohne zu wissen, warum. “Now it´s three in the morning and you´re eating alone.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 16. Oktober 2006 um genau 1:21
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare


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