An den Rändern einer Gedankenlosigkeit

Ich kann mich aufteilen und in jedes Stück ein Herz legen. Mit jedem Finger in eine andere Wunde und den Stand auf hundertachtzig Druckstellen verlegen, das funktioniert. Und jedes Haar scheint in einem anderen Licht, den Atem hört man in jedem Zimmer neu und anders. Ich sing dir ein Lied und morgen wieder und übermorgen noch einmal und du wirst nicht erkennen, dass es dasselbe ist. “Du siehst immer anders aus”, hat neulich jemand gesagt, als sich meine Hände im Abendlicht gegenseitig stützten, als seien sie sich fremd. Und mein Psychiater sagt, es sei ein Problem, dass ich sie zwar alle beieinander aber nicht zusammen hätte. Ich sei schon ganz dicht, das könne man nicht bemängeln. Aber die Komponenten seien ein Problem.
Ich kann mich aufteilen und in jedes Stück mein Herz legen. Mit jedem Blick aus einem anderen Fenster und das Wesentliche in Scheibchen gebrochen. Auf die Zunge, unter die Zunge, runterschlucken, ausspucken. Ich kann so wunderbar die Grenzen verwischen und trotzdem ernsthaft sein. Mein Psychiater sagt, es sei vielleicht eine Chance, sich erst die Beine, dann die Augen, dann das Herz und zum Schluß die Arme selbst herauszureißen. Unter der Bedingung, man habe jemanden, der einen wieder zusammensetzt. Und man wisse ja, in den heutigen Tagen sei das alles nicht so leicht. Die meisten hätten Asthma und Allergien, litten an Kurzatmigkeit und Plattfüßen, an Krampfadern und Haarausfall. Dies lenke die meisten von ihren Mitmenschen ab, man könne sich also bei apokalyptischer Selbstaufspaltung nicht darauf verlassen, dass jemand die Dinge wieder gut macht.
Ich habe daraufhin beschlossen, die Arme da zu lassen, wo sie sind, die Beine auch, die Augen auch. Und ich feile gewissenhaft an der richtigen Form meiner Organe, jeden Morgen nach dem Aufstehen und immer abends vor dem Schlafengehen. Das, was dabei abfällt, lege ich nicht ins Tiefkühlfach, das vergisst man auch immer und am Ende ist es so weiß, dass man zwar Grinsegesichter in den Eisstaub malen, aber nicht mehr wirklich etwas damit anfangen kann. Also packe ich es nett ein und schmeiße es in deinen Briefkasten. Vielleicht stecke ich es dir auch nebenbei in die Jackentasche, vergesse es bei dir oder lege es ohne zu Fragen neben dein Bett. Es sieht nicht schön aus, aber vielleicht bringt es ja was. Am Ende ist hoffentlich nichts mehr über für mich, dann bin ich froh, dann hab ich Platz. Mein Psychiater sagt ja, man sollte schon hin und wieder ausmisten. Und an den Briefmarken hänge ich zu sehr.
Liz hat es verfasst, und zwar am 21. September 2006 um genau 13:39
Kategorie : Moi | 5 Kommentare