Herbstzeitlose
Sie hatten beide den Kopf in die Hände gestützt. Man weiß am Ende immer nicht mehr, was das noch alles soll. Der Holztisch war noch der von Oma, der Lack platzte hier und da in Stückchen ab, unter dem linken Tischbein lagen immer hellblaue Krümel. Der Wind schlug immer und immer wieder die Fensterflügel aneinander. Als ginge es ihm nicht schnell genug.
Sie hatten beide die Schuhe angelassen. Man weiß am Ende immer nicht mehr, wann es eigentlich los geht oder aufhört. Aber man lernt, wann es besser ist zu gehen. Die Nasen waren gute 30 Zentimeter von der Tischplatte und knappe 20 voneinander entfernt. Da bestand keine Gefahr mehr, die vier Gehirnhälften waren sich allesamt so fern, dass sie einander nicht mehr sehen geschweige denn fühlen konnten. Und das Radio plärrte in einer Tour. Als sei es ihm noch nicht laut genug.

Und sie hatten beide ein Foto im Geldbeutel. Man weiß am Ende immer nicht mehr, dass es sich dort noch befindet. Und merkt auch nicht, wenn es fehlt. Die Schweißperlen auf der Stirn hatten sich zusammengerollt, die gab es noch nicht lang genug, als das sie den Wunsch hätten haben können, allein zu sein. Von Entfernungen hatten sie sich noch kein Bild gemacht. Und beide Blicke ließen kleine Holzsplitter zurück. Es krachte laut, als sie auf das Hellblau trafen. Von Ups and Downs sangen It´s not not im Radio.
Die Nachbarn schauten blöd, als nach einem lauten Knall alles ruhig war. Kein Radio, kein Scheibenklirren, kein Wind, keine Musik. Ein Zucken in der Schulter machte der Frau von nebenan noch kurz Sorgen. Dann sperrte sie die Tür ab und schaute die Abendnachrichten, während nebenan zwischen den Nasen und der Tischplatte nicht ein Millimeter Platz mehr blieb. Ihnen waren die Arme schwer geworden, die Köpfe zu Melonen. „Ohne Helm fährst du mir nicht los, mein Kind“ hatte die Mutter früher immer gesagt und die Gurte zurecht gezurrt.
Und da am Küchentisch hatten sie sich aufeinander verlassen. Aber jeder war so mit den Nebengeräuschen beschäftigt, dass es schief gehen musste. Er hat sich dabei einen Zahn ausgeschlagen, sie bekam Nasenbluten. Aber es ist nicht mehr so schlimm, wenn man sich das vorher überlegt. Wenn man gut ist, kann man sich dann vielleicht blitzschnell das Kissen unter dem Hintern hervor und unter den Kopf schieben. Dann.
“Soweit kommt´s noch”, murmelt die Nachbarin kopfschüttelnd jeden Morgen. Immer wieder.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. September 2006 um genau 20:31
Kategorie : Blicke | 2 Kommentare
