Und wir können spüren, wie sie die Form verlieren

Sie hat sich ganz gut eingerichtet in den Lücken dieser Zeilen. Die Lebensläufe sind geschrieben und sie scheint immer und immer wieder die Sprünge abzupassen. Steht jemand am Rande einer Veränderung, sie trifft ihn und sie lächeln sich nett an. Meistens spinnt sie dann ein bisschen herum, er spinnt vielleicht auch und am Ende merken: Hallodri, wir haben denselben Humor. Und vielleicht fahren wir auch hin und wieder in derselben Bahn.
Das bleibt dann auch immer wunderbar unkompliziert, denn die Tickets sind gebucht, das neue Leben abgesteckt, die Türen alle mit dem Fuß ausgestoßen. Keiner hat eine Ahnung, was kommt, aber das ist dann auch irgendwie egal - Hauptsache, man geht raus. Sie hat sich ganz gut arrangiert mit sich selbst und dem Umstand, dass die Leute meistens nur auf der Durchreise sind. Sowas lernt man ja mit der Zeit, zu sagen, was einem wichtig ist und das nicht erst nach fünf, sechs Jahren. Den Kopf schief zu legen und durch die Menschen hindurch zu sehen, die das System gescannt und als “wahrscheinlich nicht kompatibel” abgespeichert hat. Sie kann das mittlerweile, das Unverbindliche.
Ich hab sie neulich nacht auf der Straße getroffen. Sie stand an der Ecke und guckte ins Nichts, während neben ihr jemand auf den Stufen des Bäckers saß. Ich senkte den Blick, man schaut da ja nicht so hin, das haben wir als Kinder schon gelernt. Vorne beim blauen Haus habe ich mich noch einmal umgedreht. Der Jemand war verschwunden und sie machte sich noch den Schnürsenkel zu. Ich fragte mich, wohin sie wohl schaut, wenn wirklich einmal jemand bleiben will. Ich wusste nichts von dem Foto in ihrer Tasche und ihrer Hand als Faust. Ich stand so weit weg.
Liz hat es verfasst, und zwar am 12. September 2006 um genau 15:43
Kategorie : Berlin, Blicke, Wir | 0 Kommentare