Stuhltanz auf dem Bebelplatz
Das nenn ich Stell-Dich-Ein. 112 Leute auf einem Platz. Alle haben gute Ideen, alle haben ein gewisses Bewusstsein für Schwachstellen dieser Welt und alle finden, das sei ja auch eine feine Sache. Schön, wenn man sich da so einig ist. Otto Normalverbraucher hatte jedoch nicht viel von dem Ringelreihen der problembewussten Elite auf dem Bebelplatz am Samstag. Leises Gegrummel und der Welt zugewandte Rücken trugen nicht zur Besucherfreundlichkeit des “Table of Free Voices” bei.

Sie kamen aus der juristischen Fakultät, es war halb neun. Einer hatte sogar verschlafen, der kam etwas später. Wie Richter, wie Geschworene. Manche im Anzug und zurecht gemacht, andere hätte man auch einfach für Zuschauer halten können. Ein buntes, brabbelndes Menschenhäuflein setzte sich dann in Linie. Kein langes Drumherumreden, schließlich wussten alle, warum sie da sind. Ein Begrüßungslied wurde noch von Yungchen Lhamo gesungen. Stellen Sie sich vor, das ist ein Film: “Weltstadt, die Eliten der Erde tagen, um den Frieden zu beschließen. Bedächtig schauen sie in die Runde der klugen Köpfe, in dem Moment, wo die kleine Frau mit den ewig langen Haaren zu ihrem Gesang ansetzt, kommt die Sonne heraus.” Mich überlief eine Gänsehaut und mir war nicht klar, was daran jetzt nicht stimmte. Inszenierung, Orchestrierung, Bummsvallera?

Ein kurzes Dankeschön der Initiatoren und dann ging es auch schon los mit der ersten Frage, während mir die Füße froren: “Sind Marken mächtiger als Regierungen?” Auf der Pressekonferenz hatte man noch angekündigt, welch spirit sich doch da verbreiten möge, wenn alle Stimmen auf einmal zu ihren Antworten ansetzten. Nix da. Dabei habe ich extra die Augen geschlossen, spirit muss man ja genießen! Aber zu früh gefreut. Man hörte gar nichts. Zwischen Fußgetrappel, denn außer denen am Tisch waren alle anderen furchtbar nervös, Straßenlärm, Kirchengeläut und Journalistengequatsche war von schlauen Antworten auf die “drängendsten Fragen der Zeit” nicht mehr als hin und wieder ein Brummeln zu hören. Über dem Ganzen schwebte unberührt ein Zeppelin samt Videokamera.

Die Eingeladenen hatten Zeit, ein Statement von drei Minuten abzugeben. Komprimierte Meinung samt Erfahrungsschatz und Fachwissen. Eine Möglichkeit, sich mal geballt zu äußern. Bei Otto kam dabei jedoch nichts an. Otto sah nur Rücken, die im Kreis sitzen, und Hinterköppe. Otto wusste auch gar nicht genau, wer da eigentlich alles saß. Otto hatte auf seinem Wochenendspaziergang auch keinen Internetzugang dabei, mit dem er sich auf die Seite klicken und den Antworten live lauschen hätte können. Davon mal abgesehen funktionierte die Seite eh nicht einwandfrei und ist momentan auch immer noch nicht aufrufbar. So schnell platzt der Traum vom perfekten Marketing und einer heilen Welt. Muss die Masse wohl auf die Klasse warten.
Aber bald wird sich jeder mal wie Wim Wenders oder Bianca Jagger fühlen können und ein Video von sich und seiner Antwort im Internet hochladen. Wenn die technischen Fiesematenten überwunden sind. Vielleicht wird die Welt davon ja dann ein bisschen besser.
Liz hat es verfasst, und zwar am 10. September 2006 um genau 15:14
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare