Denn wir tun nicht, was wir wissen
Ralf Schmerberg, Regisseur und Initiator von droppingknowledge.org, zog heute auf der Pressekonferenz in Berlin-Mitte die Emoschublade auf und alle hüpften rein. “Drei Leute haben das Projekt begonnen”, erklärt er den Anfang der Initiative, die sich einer Vision verschrieben hat. Der Vision einer neuen Gegenöffentlichkeit im Internet, in der jeder Einzelne zählt und etwas zu sagen hat. Eine Gegenöffentlichkeit, die ganz jungfräulich in weiß gekleidet die Welt verändert, weil auf der Internetplattform jeder fragen und antworten kann und sich davon bestimmt alle eine Ethikscheibe abschneiden. Kennen wir das nicht irgendwoher? Stellen sich nicht diverse Magazine wie Neon, Spiegel oder zig Milliarden Blogs nicht ständig dieselben Fragen? “Warum ist die Welt nicht besser, was wäre wenn und sowieso, ist das nicht alles ungerecht?”

Natürlich ist es das. Ist ja auch schön, dass Leute das erkennen und an die Öffentlichkeit wollen. Aber woher weiß man denn, dass das Ganze nicht zum tollen PR-Instrument für die Partner der Initiative wird? Wer sagt mir, dass die Antworten ehrlich sind und nicht gefaked wurden? Die Allianz Group gibt ein Heidengeld aus - alles nur aus Gutmenschentum und weil man jetzt doch mal verstanden hat, dass hier ein paar Sachen nicht stimmen? Oder weil man mit dieser Partnerschaft auf einer weltweit verbreiteten Internetseite steht und Fragen postet, deren Antworten für PR-Abteilung und Marktforschung des Unternehmens ziemlich nützlich sind?
Ralf Schmerberg will ja offiziell “Fragen sammeln” und fragt sich, wo denn seine Generation ist. Der runde Tisch mit 112 Persönlichkeiten auf dem Bebelplatz sei ein “Experiment, das von Herzen kommt“. Aber wer verbringt denn drei Jahre mit einer Sache, die ihm angeblich keinen Profit bringt? Bianca Jagger, die auch 100 Fragen am Samstag beantworten wird, käme sich vor wie in einer Prüfung. Als sie die Fragen sah, habe sie sich gefühlt wie vor einem Examen. Die Veranstaltung wird moderiert von Willem Dafoe, der nicht wirklich viel dazu zu sagen hat (“I was totally selfish, I wanted to be part of it”) und Hafsat Abiola. Und das ist der Knackpunkt.
Denn Hafsat Abiola scheint wirklich zu leben, was sie da macht. Und wenn sie vor Journalisten von ihrem Volk spricht und von der Armut in der Welt, von einem Bewußtsein, das man noch entwickeln müsse, dann nimmt man ihr das ab. Dann glaubt man daran, dass vielleicht wirklich etwas bewegt werden kann. Aber diese Erzählungen und hoffnungsvollen Augen sind irrelevant für Lobbyisten und Vertreter von Interessengruppen, die mit dieser Plattform eine wunderbare Gelegenheit bekommen, ihre Inhalte publikumswirksam und verdeckt zu verbreiten. “Aus dem Tropfen soll ein Ozean werden”, sagt Hans Uszkoreit, der die Plattform entwickelte. Und auch Bianca Jagger spricht davon, dass man den Bushs und Blairs in der Welt mal zeigen müsse, wo der Hammer hängt (”We need a way where individuals can make a difference“). Natürlich muss man das.

Aber geht das so? Und einer zwischen all den Journalisten mit den glänzenden Augen spricht dann mal aus, was gemeint ist. Nämlich, wie man davon ausgehen könne, dass all das Reden auch wirklich zu einer Änderung des Bewusstseins bzw. in bewußtere Handlungen umgesetzt werde. “Wir wissen nicht, was wir tun”, den Satz kennen wir alle. Aber noch mehr tun wir ja doch nie, was wir wissen. Daran wird auch dropping knowledge nichts ändern. Nur scheinen das so viele zu glauben.
Eine Pressekonferenz, die weniger Konferenz und Dialog als Darstellung und Bejubelung war. Niemand hat die Allianz-Vertreter in der ersten Reihe gefragt, wieviel Geld sie investieren. Niemand hat nach dem Aufwand gefragt oder nach den E-Mail-Adressen, die man auch bei der Anmeldung bei dropping knowledge abliefert. Niemand fragte nach Sponsoren und Eigennutzen. Als mache eine gute Idee jeglichen Zweifel wett.
Liz hat es verfasst, und zwar am 7. September 2006 um genau 21:17
Kategorie : Kultur | 7 Kommentare