Schichten von Tapeten

Emma ist nicht gut in Krisenkommunikation. Sie schweigt, legt den Kopf schief und hofft auf Erdbeben oder Wirbelstürme, auf Steinschlag oder einfach nur einen Anruf. Immer dann, wenn es schwierig wird. Sie beginnt aufzuräumen, umzutopfen, neu zu streichen. Immer dann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Wenn der Balkon dann grün ist und die Zimmer weiß, hat sich hin und wieder irgendetwas getan. Meistens durch Zufall, manchmal durch Zeit, selten durch Reden.

Jonas hat sich neulich umgedreht. Und steht seitdem mit dem Gesicht zur Wand. Der Kanarienvogel schreit aus Leibeskräften, den Fernseher hört er noch dahinter, den Brei von der Straße schubst er mit dem rechten Fuß zurück. Das Stehen im Schlafen ist so eine Sache, die Dellen der Rauhfasertapete drücken sich Nacht für Nacht in seine Stirn, die Fußspitzen an der Scheuerleiste sind schon taub und Emma spricht im Schlaf. Ihr Arm liegt dort auf seiner Seite. Eigentlich wie immer.

Am Morgen deckt sie den Tisch, sie schnattert und rotiert, sie werkelt und poliert. Sie klopft ihm den Staub von der Schulter und macht das Fenster auf. Seitdem schreit der Vogel nicht mehr, seitdem ist aus dem Brei von der Straße eine Flutwelle geworden. Gut für Emma, die wartet auf sowas. Schlecht für Jonas, den hört sie jetzt noch weniger.

Und morgen wird er sich umdrehen. Sie wird ihn anschauen, wie er da steht mit den blauen Zehen und den Furchen auf der Stirn, sie wird die Hände auf seine Schultern legen und sagen: “Müde siehst du aus.” Sie wird es wieder nicht begriffen haben. Und morgen wird er aus der Tür gehen und ihr ein schönes Leben wünschen, wenn er sich traut. Sie wird dann denken: “Das hoffe ich auch.”

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. September 2006 um genau 15:55
Kategorie : Emma und Jonas | 0 Kommentare

 Durch die Finger

Bei diesem Film weiß man schon nach zehn Minuten, dass man ihn nicht bis zum Ende durchhält. Jaja, tolle Farben, prima Gesichter und so. Und Indien zieht ja sowieso oft. Dumm nur, wenn man mit der Kamera auf alle kleinen Gesten hält und damit sagt: “Jetzt guckt schon hin, das ist NEBENSÄCHLICH.”

http://www.mevme.com/lizblog

Dumm auch, wenn die Dialoge furchtbar vorhersehbar, die Rebellion der kleinen Chuyia gegen das Kastensystem in Indien bis ins Kleinste ausgesprochen und gezeigt wird, sodass dem Zuschauer auch ja nichts entgeht. Dass man keine Lust hat, auf Metaphern, die keine mehr sind, weil man ihnen jeglichen Interpretationsspielraum genommen hat, ist den Machern anscheinend egal. Vielleicht hat man aber auch nicht mit selbstlaufenden Gehirnen gerechnet, vielleicht versucht man ja, Leuten, die sonst auf Terminator stehen, Ästhetik beizubringen. Funktioniert nicht. Wird unästhetisch. Und sowas von gehaltlos.

Die Geschichte ist schon in den ersten drei Minuten erzählt und durchschaut. Chuyia wurde als Kind verheiratet, ihr Mann stirbt und so ist sie schon eine Witwe, bevor sie überhaupt verstanden hat, was das heißt. Abgeschoben wird sie dann in ein Witwenhaus. Natürlich will sie da nicht bleiben, natürlich sind die Frauen da alle komisch, natürlich gibt es auch die Guten, natürlich rafft Chuyia als kleines Mädchen sofort, wer ihr da über den Weg läuft. Offenkundig und total märchenhaft (natürlich!): “Ein Engel?!” Unvorteilhaft auch, wenn dazu die Synchronisation volle Banane ins Klischee fährt und nicht passt.

Wenn einem der Kopf in die Schraubzwinge geklemmt wird, macht man doch automatisch die Augen zu.

(Offiziell läuft “Water” ab 7.September in den Kinos.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. September 2006 um genau 11:44
Kategorie : Filme | 2 Kommentare


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