“Was sagen Sie einem arbeitslosen Menschen in Berlin, in einer Stadt mit so hoher Arbeitslosenquote? Was sagen Sie dem, wenn er Sie anruft und nicht mehr weiter weiß?” Ute legt die Hände auf die übereinander geschlagenen Beine und guckt in die Journalistenrunde. “Können sie sich vorstellen, wie hohl ich mich fühle, wenn ich demjenigen dann noch Perspektiven aufzeigen soll? Wenn derjenige mir vorher eine Stunde lang erzählte, was er schon alles versucht hat und wo er überall gescheitert ist. Was würden Sie da machen?”
Die Journalisten schweigen. Ein paar haben sich im Büro des Telefonseelsorge Berlin e.V. in Neukölln versammelt. Fünfzig Jahre gibt es den Verein jetzt, er war der erste in Deutschland. Ohne Kirche als Träger, aber in Zusammenarbeit mit Pfarrern. Ute ist eine der Ehrenamtlichen, die im Monat zwölf Stunden am Telefon sitzen und sich mit Menschen unterhalten, die mal reden wollen. Die ernst genommen werden wollen. Die vielleicht einen letzten Weg suchen. Am Tag werden 700 Anrufe in Berlin gezählt, im Schnitt kommen 70 Anrufer durch.
Jessika hat selbst vor zwei Jahren bei der Telefonseelsorge angerufen. Heute war sie zum zweiten Gespräch dort, was Teil der Bewerbung für ein Ehrenamt ist. Sie wolle sich engagieren, meint sie, und habe sich schon immer für Menschen und ihre Geschichten interessiert. 18 Monate dauert die Ausbildung und in dieser Zeit merken einige auch, dass sie für diesen Job nicht gemacht sind. Eine Schicht dauert sechs Stunden. Eine Schicht beinhaltet menschliche Schicksale auf Abruf. Eine Schicht ist volle Konzentration. Uli, Redakteur beim Handelsblatt, habe vor allem Demut gelernt, sagt er. Denn: “Man selbst hat dort nicht stattzufinden. Man hat zuzuhören und Hilfe anzubieten.”
Die Ängste der Menschen sickern Stunde für Stunde durch die Leitungen. Nachts zwischen drei und fünf Uhr sei nicht so viel los, da habe man eine ganz gute Chance auf eine freie Leitung. Früher seien es vor allem soziale Nöte wie Wohnungssuche, finanzielle Schwierigkeiten und Behördenprobleme gewesen. Da war die Telefonseelsorge oft einfach Vermittler. Jetzt stehe vor allem das Thema Einsamkeit im Vordergrund. Neben der Arbeitslosigkeit. Und man lege sich so seine Pfade zurecht, erklärt Ute. Welche Wege im Gespräch bei bestimmten Mustern möglich seien. Und worauf die Leute eher einsteigen würden. Anfangs habe sie große Angst gehabt vor den Anrufern, die suizidgefährdet sind. Mittlerweile ist sie souveräner geworden. Auch mit sich selbst.
Aber “wer hier arbeitet, ist nur eine Stimme”. Die Persönlichkeiten müssen sich raushalten. Aus Selbstschutz.
Liz hat es verfasst, und zwar am 31. August 2006 um genau 14:29
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Sturm war, als ich meinen Abschied plante. Und Sonne schien zwei Sekunden später, als sei nichts gewesen. Alles sei alles wie immer. Als würden alle Einkaufszettel sich auch erfüllen und alle Listen Häkchen tragen. Mir war das Licht nur Wand in den Augen, als ginge es nicht vor und nicht zurück. Weil ich dem Vogel hinterher sah.
Auf den Karten tragen die Wetter alle Namen. Jedes Hoch, jedes Tief, jedes Mittel, jedes Nichts. In Atemnot räumen wir morgens die Schränke ein. Und vergaßen vorhin, die Luft in den Bauch zu lassen. Aus Angst vor der Neuigkeit.
Mit den Armen hast du immer ein Dach gebaut.
Bleibt nun zu hoffen, dass es nicht regnet heute nacht.
Dass wir halten heute nacht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 31. August 2006 um genau 3:47
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“Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?”
Reck den Hals am Freitag, streck ihn hoch hinaus, stell dich auf´s Dach oder fahr zum Olympiastadion und schau von der Brücke aus. China, Russland, Polen, Portugal, Großbritannien und Italien geben sich die Klinke in die Hand und feuern, was das Zeug hält. Mit Bomben. Feuerwerksbomben.
Effekte, die nur knallen, seien nicht erlaubt, sagt Gerhard Kämpfe. Er ist einer der Veranstalter der Pyronale, einer Olympiade für Pyrotechniker. Und dass man verrückt sein müsse, um soetwas zu organisieren. Jaja. Auf die Frage aber, wie sich die Stile der einzelnen Länder denn unterscheiden würden, gerät er aus dem Gleichgewicht und schwadroniert von “Das müssen Sie sich selbst anschauen, das verraten wir noch nicht”.
Es ist ein Meisterwerk der Organisation, ein hoch orchestriertes Spektakel, das eine halbe Million Euro kostet. Und alle sind sie mit im Boot… Die Scorpions stellen die Musik, denn die antretenden Mannschaften müssen ein Lied von ihnen in Feuerwerk umsetzen. Das gehört zum Pflichtteil des Wettbewerbs. Die Olympiapark Berlin GmbH freut sich über die 40.000 bis 50.000 Besucher, die zum Stadion und dem Maifeld pilgern werden. Der Radiosender rs2 klopft sich selbst auf die Schulter und beweihräuchert das eigene Gewinnspiel zur Veranstaltung mit den Worten: “Soetwas konnte man noch nie im Radio gewinnen: Ein Feuerwerk des Siegers der Pyronale samt Party”. Die Party zahlt der Sender, das Feuerwerk die Veranstalter der Pyronale. Wer die meisten Leute einläd und die meisten Zusagen bekommt, dem wird das Werbefest bezahlt. Toll. Und Mario Hempel grinst und freut sich über die Einnahmen von 11 bis 31 Euro pro Besucher: “Man kann schon sagen, dass ich der treibende Motor war.”

Unten auf dem Olympiafeld geht es noch anders zu. Dort bauen die Chinesen noch in Anzügen ihr Feuerwerk auf, dort warten die Engländer auf ihr Essen und die Portugiesen können sich schon zurücklehnen. Dort steht Hans-Georg Kehse, Dramaturg des Abschlussfeuerwerks am Samstagabend, und spricht von der Faszination. Feuerwerk habe eine eigene Psychologie, jeder habe seine Handschrift, schwärmt er und seine Hände malen Figuren in die neblige Luft. Diese darf bei Abschuss der Raketen nicht zu feucht sein, sonst haben alle am Ende nur noch Rauch im Gesicht. Er spricht von Magie und dem Urinstinkt des Menschen, sich Feuer zu nähern. Er strahlt und erklärt den Ursprung des Feuerwerks. Er kennt natürlich auch die Unterschiede in der Tradition zwischen Europa und Asien. Dass die Europäer sich bemühten, richtige Geschichten wie am Theater zu erzählen. Und dass es den Asiaten eher um Feuerwerksblumen und Einzelbilder ginge. Er schwärmt. Die Herren, die oben in Anzügen in der VIP-Lounge sitzen, wissen nichts davon. Ihre Augen glänzen auch. Die Gründe dafür sind andere.
Am Freitag und Samstag schießt Berlin 500 000 Euro in die Luft. Und alle sehen zu.
Liz hat es verfasst, und zwar am 30. August 2006 um genau 20:09
Kategorie : Berlin | 0 Kommentare
Wenn Emma allein ist und nicht allein sein will, geht sie raus. Mit kleinen Schritten die Treppe hinunter, schwerfällig den Arm mit dem Schlüssel in der Hand daran noch einmal an den Briefkasten gehoben, es könnte ja doch jemand geschrieben haben. Die Kniestrümpfe strafft sie noch einmal, bevor sie auf die Straße tritt mit dem Wind im Gesicht. Zuhause würde dieser alles durcheinander bringen. “Komm mit”, sagt die Hand an ihrem Ohr.
Wenn Jonas allein ist und nicht allein sein will, macht er das Fenster auf. Die Rechtecke auf der anderen Straßenseite werden dann zu seinem Bildschirm. Selten gewordene Echzeitkommunikation. Das Leben anderer stückelt sich ihm vor den Augen zurecht, den Schmerz in den Ellbogen merkt er nach einer halben Stunde nicht mehr. Jonas schläft ohne Kissen. Er hört das Baby schreien, das die Nachbarin seit Stunden durch das Zimmer trägt. “Schlaf ein”, flüstert sie.
Emma lässt die anderen Menschen die Richtung entscheiden, in die sie geht. Kommt gerade jemand vorbei, läuft sie dem hinterher. Igrendwann wechselt sie das Ziel und verfolgt langsam und samt Augen und Füßen jemand anderen. Es ist egal, wo sie landet. Die Stadt ist zwar groß, aber zu Fuß laufen die meisten nicht weit. Nach ein paar Minuten verschwinden die meisten in Hauseingängen oder bleiben an irgendeiner Station stehen. “Nimm mich mit”, singt jemand auf der Kassette.

Jonas hat dieses Mädchen schon ein paar Mal gesehen. Sie läuft, sie trägt Beutel und sie scheint immer zu wissen, wo sie hin will. Manchmal läuft sie ein paar Mal in kürzester Zeit durch seine Straße. Wenn sie läuft, ist sie immer allein. Und sie blickt nicht auf. Und Jonas duckt sich immer, obwohl er weiß, dass sie ihren Kopf nicht dreht. Obwohl er weiß, dass sie ihn wahrscheinlich gar nicht sehen würde. “Schau mich an”, schreit das Plakat an der Ecke.
Die andere Straßenseite gefällt ihr nicht. Dort ist der Spätverkauf, vor dem die Männer sitzen, die nicht nach Hause wollen. Dort ist die Musikschule, in der die Kinder nie die Töne treffen. Dort sind zwei drei leere Läden, in deren Scheiben sie sich zu sehr spiegelt. Als könne man einfach hindurchgehen. Auf der anderen Seite stehen mehr Bäume und es gibt Eis. Das eine Schild meint: Einbahnstraße.
Er hört auf, wenn es kalt wird. Die Geschichten an der Hauswand gegenüber setzen sich fort, Tag für Tag. Jonas lässt sie herein, wenn er allein ist. Das Baby kann mittlerweile laufen. Neulich ging das Mädchen, das immer friert, hinter ihm her. Sie kam aus dem Takt, Kindergang ist unberechenbarer und es war das einzige Mal, das sie innehielt und nach oben sah. Jonas hat das nicht bemerkt, er stand im Bad und cremte sich die Ellbogen. Ich bin nicht da, stand auf dem Zettel neben der Tür.
Liz hat es verfasst, und zwar am 29. August 2006 um genau 16:24
Kategorie : Emma und Jonas | 1 Kommentare
Reservieren Sie sich einen Platz in den hinteren Reihen des Saales. Stellen Sie sich auf pubertierende Junggangster ein, auf Popcorngeschosse, Colabecherstapel und Pfiffe bei nackter Haut. Lehnen sie sich zurück, suchen sie nicht den Gurt und lassen Sie sich berieseln. Fahren Sie die Schreckschreilautstärke auf ein Minimum herunter, sie ernten sonst böse Blicke von nebenan. Überhören sie die Grunzgeräusche bei Auftauchen von Gong Li und lassen Sie die Erwartungen, was halbwegs clevere Dialoge angeht, zuhause. Dann werden Sie sich von Miami Vice gut unterhalten fühlen.
Der Film zur Serie, die 1986 zum ersten Mal auf der ARD lief, erzählt die Geschichte der Cops Sonny und Ricardo. Die beiden sollen undercover Drogenschmuggler entlarven. Es wird geküsst, sich durch die gegelten Haare und mit schnellen Autos gefahren, geballert und gezeigt, dass Hollywood immer noch Hollywood ist. Ein bisschen Wehmut, ein bisschen Stolz, drei Prisen Sex und fünf Schuss Knalleffekt. Bumms, fertig ist der Film.
“Ich sterbe für einen guten Mojito” - “Ich kenne da eine Bar in Havanna”. Dieser Dialog gehört zu den köstlichsten des Filmes. Die Nazikeule wurde auch ausgepackt, es gruselt einen nicht nur einmal. Es ist egal, ob man die Serie kennt oder einfach noch zu jung war, um Fan zu sein. Die Geschichte ist schnell erzählt und das Ende hat man auch offen gelassen, um einen zweiten Teil nachschießen zu können. Die guten Kameraperspektiven überraschen, man gewöhnt sich auch an den Schnauzer von Colin Farrell. Alles in allem ist dieser Film ein dickes Bang Boom Bang mit Zuckerguss. Die Freigabe ab 16 scheint dem Saalinhalt nach niemanden zu interessieren. Und die kleinen Jungs neben mir schienen dazu noch wesentlich abgebrühter als ich. Subtilen Witz gab es kaum, also auch keine hochgezogenen Augenbrauen. Schmalz und Machismo in recht ästhetisches Licht gerückt.
We wear our sunglasses at night…
Liz hat es verfasst, und zwar am 28. August 2006 um genau 16:17
Kategorie : Filme | 2 Kommentare
Donnerstag war es immer aufregend morgens in der U-Bahn. Die blaue Linie brachte uns zur Schule, ich stieg in Mitte zu. Alina und Sarah waren schon in Kreuzberg eingestiegen. Bis nach Reinickendorf mussten wir jeden Tag. Sieben Stationen für mich, 15 Minuten Fahrtzeit. Wir lernten effektives Zeitmanagement. 15 Minuten für die vergessenen Hausaufgaben von zwei Fächern, für Vokabeln und Kunstwerke, für das Anschmachten von Parallelklassenjungs. Aber donnerstags war alles anders. Donnerstags hatte Sarah die neue Bravo.
Wir lernten diskutieren und Blattkritik. Wir betrieben Konkurrenzbeobachtung und Recherchevergleich. Die Abgründe des Layouts führten hin und wieder zu hitzigen Debatten. Wir lernten Geduld und schnelles Lesen. Wir lernten Distanz zu Inhalten und emotionale Beherrschung.
Ja, wir haben neulich mal wieder eine Bravo gekauft. An der Tanke unterwegs, so wie viele Bands auf Tour, die was zum Lachen brauchen. Nah am Fan, dranbleiben und sowieso, man müsse ja auf dem neuesten Stand sein, was Pubertärkultur betrifft. Und die Bravo hat noch immer nichts gelernt. Fiese Farben und Layouts. Doppelte Fotos und crazy Poster. Das Rezept der konstanten Starre scheint zu funktionieren. Ja, man photographiert die Nackten jetzt nicht mehr im weißen Studio sondern vor natürlichem Hintergrund wie Duschvorhang oder Mustergardine. Der Rest ist, wie er schon damals war. Eckige Kästen bekommen runde Ecken, ok. Flippig, hip und kotzebunt.
(Meine Erste.)
Das interessiert den pickeligen Leser aber eh nicht. Dieser will noch immer Fotos von den Falten seiner Stars, von Möpsen und dicken Autos, von Handy-Gimmicks und dem heißesten Scheiß in Sachen Markenmode. Foto-Love-Stories und Riesenposter, Sammelkarten und Klebe-Tattoos. Ihr seid der Trend. Ihr seid das kollektive Non-Bewusstsein in diesem Alter, das den meisten die Wochen und Monate unvorhersehbarer Hormonschübe erleichtert.
Und so verschenkten wir die Bravo an unsere Zeltnachbarn, die aber auch nach drei Minuten genug hatten. Die Bravo ist nun zehn Jahre älter als meine Mutter und braucht keine Antifaltencreme. Man bügelt es sich eh zurecht und spritzt hier und da ein bisschen auf, was noch nicht prall genug ist. Bang Bang forever. Aber es fühlt sich gut an zu merken, dass der Mensch an sich in Würde altern kann. Mindestens erwachsen werden. Wir gehen jetzt donnerstags ins Kino. Und in der U-Bahn schlafen wir ein, während die Kinder sich in Trauben sammeln, kreischen und ihnen die Kommafehler nicht auffallen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 25. August 2006 um genau 12:12
Kategorie : Lektüre, Wir | 3 Kommentare
Der Spiegel hat ein neues Banner und setzt damit ein kleines Zeichen. Terroristen in Deutschland.
Was will uns dieses Banner sagen?
“Liebe Deutsche,
rechnet bitte mit weiteren Fällen. Die Angst ist angekommen.
Benutzt keine Koffer mehr, man könnte euch verdächtigen.
Traut niemandem mehr über den Weg. Und beäugt jeden kritisch, der sich neben euch setzt.
Fahrt am besten nur noch Fahrrad und bitte nicht mehr durch die Ballungszentren.
Zieht in die Berge.”
Ein Banner im Panorama. In der Bannerlandschaft zu finden zwischen Jahrhundertsommer und Atomstreit. Schön schwarz und natürlich sind die Koffer auch drauf. Es seufzt und stöhnt der gehetzte Passagier. Und doch googelt er nach Feierabend die Zutaten der Bombe. Schäuble hat wohl selbst auch schon einmal nachgeschaut, drum installieren wir nun die Kameras auch im Netz. Davon wird alles besser. Natürlich.
Und die Situation wiegelt sich selbst auf. Wir schlittern in die Science-Fiction-Romane und halten die Zeitungen in der U-Bahn noch höher. Und während Otto Normalverbraucher auf der einen Seite süchtig ist nach News (ja, das Berliner Fenster tickert Minute für Minute das Weltgeschehen in seiner objektivsten Form), klammert er sich auf der anderen Seite aus und macht das Weltgeschehen zum Unterhaltungsfaktor Nummer Eins. “24” nicht mehr nur in Echtzeit, jetzt auch zum Mitfühlen. Wir brauchen keine großen Apparaturen mehr, die uns virtuelle Realität in Empfindungen umwandeln.
“Gehen Sie auf die Suche. Werden Sie Bild-Lokal-Redakteur. Knipsen Sie Handyfotos von Verdächtigen. Und beschatten sie Schäuble im Urlaub. Sie bekommen Geld dafür. Und dürfen teilhaben. Partizipieren Sie. Auch im Forum von Spiegel Online oder in der U-Bahn heute abend.”
Der Spiegel hat ein neues Banner und wir die brave new world.
Liz hat es verfasst, und zwar am 23. August 2006 um genau 11:46
Kategorie : Fragen | 1 Kommentare
„Vielleicht sollte man daraus einen Film machen“, hatte sie gesagt noch mit kleisterverschmierten Händen und den Blick auf die Linien zwischen den Gehwegplatten geheftet. „Vielleicht hätten wir das alles filmen und als Geschichte verkaufen sollen“, lachte sie an der nächsten Ecke und strich sich die Haarsträhne mit dem Unterarm aus dem Gesicht, den großen Pinsel fest in der Hand. „Und vielleicht sollte man nur noch so kommunizieren“, flüsterte sie hinter der Laterne, als das große Auto vorbeirollte und sie kurz ins Rampenlicht stellte. „Ich wünschte, das wäre nicht mein Gesicht“, hatte sie gerufen, als sie mit dem Fahrrad um die Ecke bog. Der Eimer knallte hin und wieder an Knie und Vorderrad. Es klackte ein paar Mal, die Leute in den Straßencafés stocherten plappernd mit den Strohhalmen in ihren Mojitos.

„Das würde nicht funktionieren“, bedauerte sie, als sie die Hände abwusch. Die Füße in die Badewanne gestellt kratzte sie an den Resten des Vortages und kleine Fetzen zogen in die Abflussrohre ein. „Wir haben nicht genug Zeit zum Warten“, dachte sie und legte neues Papier in den Einzug. Das Geräusch der Schere erinnerte sie an früher, während der erste Regen kam. „Die Ränder sind wichtig“, biss sie sich auf die Lippen und strich bedächtig die Ecken glatt. Die jungen Männer vor dem seltsamen Etablissement sahen sie nun schon zum dritten Mal vorbeistapfen. Mit dem Eimer. Mit den verschmierten Händen. Mit dem Grinsen. Wenn du weg bist, ist das nur noch irgendein Gesicht, das aus irgendeiner Mauer irgendwelchen Menschen auffällt. Der Eimer knallt hin und wieder an das Knie und das Vorderrad. Die Barkeeper kaufen montags neue Strohhalme, geschminkte Lippen legt man nicht an Glas. Manche Gesichter aber halten dem Regen stand, andere nicht. Wir werden sehen. Vielleicht sollte man daraus einen Film machen.
Liz hat es verfasst, und zwar am 20. August 2006 um genau 17:59
Kategorie : Berlin, Wir | 0 Kommentare
Wer heute die taz kauft, sollte sich die Beilage nicht entgehen lassen. Wir haben überlegt und geschrieben, redigiert und gestritten, gefeiert und gedacht: ok so. Über Kritik freuen wir uns.
(Ach und.. sucht die Beilage nicht als letztes Buch. Sie liegt zwischen Seite 8 und 9)
Liz hat es verfasst, und zwar am 15. August 2006 um genau 8:28
Kategorie : Berlin, Lektüre, Wir | 3 Kommentare
Liz hat es verfasst, und zwar am 14. August 2006 um genau 23:16
Kategorie : Blicke | 1 Kommentare