In einer Nacht wie dieser

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Die Unruhe war wie Sodbrennen. Und dann tanzten wir auf den Ruinen zu The Cure. Mit Schweiß auf der Stirn und Bacardi in der Hand. Auf einer Party ohne Strom und mit diffusem Menschengewirr, das einen zurück- und nach vorne warf. In einem kleinen Schleudertrauma entschieden wir, diese Nacht ist noch nicht vorbei. Einer sang “I like to move it, move it” auf der Bühne und wir jubelten. Wir tanzten, bis wir uns gegenseitig retten und von den Sofas zerren mussten. Es klingt exzessiver, als es war. Aber aus dem Leben kannst du ja immer Geschichten machen. Das Gefühl war ein gutes, als wir den Laden verließen und es hell war. Als unsere Gesichter unter den weißen Wolken glänzten vom Wasser des Übermuts. Spucken und schlucken und trinken. Es war Sommer. Die Stadt konnte jede sein, die Menschen nicht. Und alle anderen waren egal, es gab nur uns. Ich hab mich zuhause gefühlt. Endlich Platz im Kopf und seit langem kein Respekt vor dem Morgen und keine Angst vor dem nächsten Lied. Immer weiter so, immer weiter. Und dann frische Feigen kaufen.

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Liz hat es verfasst, und zwar am 8. Juli 2006 um genau 20:12
Kategorie : Berlin | 0 Kommentare

 Wie sie die Form verlieren

Die Unterarme kleben immer so schön an der Tischplatte fest. Man will sich alle drei Minuten die Hände waschen und eigentlich ist es aber doch egal, weil es allen so geht. Man dreht sich eher noch pikiert um, wenn jemand in dicker Parfumwolke auf der Straße an einem vorbeiläuft. Die Luft ist wie Grießbrei, dick und warm. In kleinen Klumpen hängt der Stadtmief darin, während wir auf der Arbeit den Kopf zum Friedhof rausstrecken. Die Kaffeemaschine und der Drucker brummeln vor sich hin, der Rest schweigt, vermeidet jegliche unnötige Bewegung. Im Schatten ist es immer voll, der Restplatz ist wie ausgestorben. Mein Gewissen beißt arg, wenn mir einfällt, dass ich vergessen habe, die Blumen zu gießen. So ein Wetter ist gut, um sich auszuklinken und in Langsamkeit zu sein. Träge, matt und niemand wirft es dir vor. Ich glaub, ich stelle meine Badewanne auf den Balkon.

Beim Lesen des Blogs vom Schweizer kippt mein Berlingefühl wieder zu der Sehnsucht, die mich in den letzten Tagen oft begleitet. Den Wunsch nach Fremde. Durch neue Straßen gehen, sich nicht sorgen um Uhrzeiten und Abmachungen. Die Sprache nicht verstehen und mit Hand, Fuß und Blick kommunizieren. Mein Leben hier ist ja doch ein sehr eingerichtetes. Das, was hier ist, ziehe ich nun durch, das schließe ich ab. Währenddessen strecke ich die Fühler aus und höre auf den Bauch, der sagt: Geh in den Norden. Oder grabe dich zu den Wurzeln nach Polen oder Österreich. Ich habe noch ein bisschen Zeit das zu entscheiden und alles wird richtig sein.

Der Schweizer lebt dieses Leben aus den Filmen und sagt zurecht, dass die Klischees meist an der Wahrheit kleben wie Briefmarke auf Umschlag. Hin und wieder frage ich mich, ob ich was verpasse, wenn ich die Nächte nicht durchsaufe, nicht all die Bars und Clubs der Stadt kenne und nach vier Bieren unmöglich betrunken bin. Wenn ich nicht versuche, alle Strecken auszuloten, sondern schon genug damit zu tun habe, im Zug sitzen zu bleiben und nicht rausgeschmissen zu werden. Die Zeit ist reif, die Dinge zu beenden, abzuschließen. Dass alles auf einmal nicht funktioniert, habe ich gelernt. Dass alles nicht sofort geht, weiß ich jetzt. Nach und nach, gemach gemach.

Man machte mich gestern schon wieder auf meine angebliche Ähnlichkeit mit französischen Schauspielerinnen aufmerksam. Jeden Morgen im Spiegel versuche ich, sie zu finden und scheitere elendig. Vielleicht hat wirklich jeder ein verklärtes Bild von sich selbst oder die anderen gucken nie genau hin.

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. Juli 2006 um genau 13:09
Kategorie : Moi | 0 Kommentare

 Du kannst ruhig Nein sagen.

Nillson haben einen zweiten Sampler online gestellt. Wir sind auch drauf und das sagt Julius dazu:

“Über Me Vs. Me wurde schon viel geschrieben (und das ist auch gut so), Alex hat zweifelsohne eine Hand für die kleinen großen Töne und Lisas Gesang ist eh immer wie Zuhause ankommen. Mit ihrer EP »look what we’ve done to your songs« vom letzten Jahr begeisterten sie schon unzählige Herzen & mit Heartsong (Überleitung!) gibt es auf unserem zweiten Sampler exklusiv ein bisher unveröffentlichtes Lied. “

Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Juli 2006 um genau 20:50
Kategorie : Ton | 1 Kommentare

 Schönes Scheitern

Heute ist der Morgen nach der Niederlage Deutschlands bei der WM 2006. Ich habe es mit Scherben im Fuß überstanden, ein paar Reihen davor hätte ein Kameramann beinahe eine Flasche an den Kopf bekommen. Zwei Minuten später brüllte der Werfer, er habe niemanden verletzen wollen, die Nerven seien mit ihm durchgegangen.
Hätte Deutschland gewonnen, wäre das helle Licht der Kamera zur Leuchtfackel und die Linse zum Magneten geworden. Sie hätten gegeifert und gejuchzt, sich in den Armen gelegen und die Flaschen fest in den Händen über den Köpfen gehalten. Jetzt, wo die Mannschaft raus ist, soll man sie nicht weinen sehen.

Um nicht S-Bahn fahren zu müssen, ging ich den Weg nach Hause zu Fuß. Überall trotteten hängende Fahnen nach Hause, stolze Ringelsombreros wurden zu Schlapphüten und hin und wieder verlor jemand die Beherrschung. Der Dönerverkäufer zog leise sein Deutschland-Stirnband von der Stirn und auf dem Bürgersteig der Wichertstraße wurde festgestellt: „Bei der WM sind selbst Grundschulfreundschaften nichtig“.

Liegen die Schminkstifte jetzt zwischen den Sonderangeboten oder wird die starke deutsche Schulter propagiert, die so etwas aushält? Überwintern im Dezember alle Igel in kuscheligen Knautschhüten? Und was macht Frau Merkel jetzt eigentlich mit ihrer Gesundheitsreform?
Es hätte so schön werden können, dachte auch ich. Deutschland hätte gekuschelt. Die Frage, die sich zwangsläufig anschloss, war aber: Wie lange hätte das gehalten, wie lange wäre das Land getaumelt vor Glück?

Die Deutschen können jetzt weitermachen wie immer. Sie haben ihre Depression zurück, was hätten sie denn sonst gemacht? Was wäre denn passiert, hätten wir im Finale tatsächlich gewonnen?
Verschluckt hätte man sich vor Schreck. Vielleicht hätten die Titelseiten eine Woche durchgehalten und dann hätte sich der Nebel gelichtet und das Loch sich wieder aufgetan. Da hätten sie gestanden, gestarrt und die Stille bemerkt. Die Realität hätte ihnen einen kleinen Schubs gegeben dem Abgrund entgegen- In Schweiß hätte sich auf die Stirnen geschrieben, dass durch Fußball doch nicht alles gut wird.

Und die Jungs haben uns davor bewahrt. Danke, Lehmann & Co.
Jetzt dürfen wir noch ein bisschen länger daran glauben.

Liz hat es verfasst, und zwar am 5. Juli 2006 um genau 9:56
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare


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