Schönes Scheitern
Heute ist der Morgen nach der Niederlage Deutschlands bei der WM 2006. Ich habe es mit Scherben im Fuß überstanden, ein paar Reihen davor hätte ein Kameramann beinahe eine Flasche an den Kopf bekommen. Zwei Minuten später brüllte der Werfer, er habe niemanden verletzen wollen, die Nerven seien mit ihm durchgegangen.
Hätte Deutschland gewonnen, wäre das helle Licht der Kamera zur Leuchtfackel und die Linse zum Magneten geworden. Sie hätten gegeifert und gejuchzt, sich in den Armen gelegen und die Flaschen fest in den Händen über den Köpfen gehalten. Jetzt, wo die Mannschaft raus ist, soll man sie nicht weinen sehen.
Um nicht S-Bahn fahren zu müssen, ging ich den Weg nach Hause zu Fuß. Überall trotteten hängende Fahnen nach Hause, stolze Ringelsombreros wurden zu Schlapphüten und hin und wieder verlor jemand die Beherrschung. Der Dönerverkäufer zog leise sein Deutschland-Stirnband von der Stirn und auf dem Bürgersteig der Wichertstraße wurde festgestellt: „Bei der WM sind selbst Grundschulfreundschaften nichtig“.
Liegen die Schminkstifte jetzt zwischen den Sonderangeboten oder wird die starke deutsche Schulter propagiert, die so etwas aushält? Überwintern im Dezember alle Igel in kuscheligen Knautschhüten? Und was macht Frau Merkel jetzt eigentlich mit ihrer Gesundheitsreform?
Es hätte so schön werden können, dachte auch ich. Deutschland hätte gekuschelt. Die Frage, die sich zwangsläufig anschloss, war aber: Wie lange hätte das gehalten, wie lange wäre das Land getaumelt vor Glück?
Die Deutschen können jetzt weitermachen wie immer. Sie haben ihre Depression zurück, was hätten sie denn sonst gemacht? Was wäre denn passiert, hätten wir im Finale tatsächlich gewonnen?
Verschluckt hätte man sich vor Schreck. Vielleicht hätten die Titelseiten eine Woche durchgehalten und dann hätte sich der Nebel gelichtet und das Loch sich wieder aufgetan. Da hätten sie gestanden, gestarrt und die Stille bemerkt. Die Realität hätte ihnen einen kleinen Schubs gegeben dem Abgrund entgegen- In Schweiß hätte sich auf die Stirnen geschrieben, dass durch Fußball doch nicht alles gut wird.
Und die Jungs haben uns davor bewahrt. Danke, Lehmann & Co.
Jetzt dürfen wir noch ein bisschen länger daran glauben.
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. Juli 2006 um genau 9:56
Kategorie : Berlin | 2 Kommentare