Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Juni, 2006

Rot Weiß

Die Polen haben verloren. Aufgrund meiner Identität als wieder neue Praktikantin in einer anderen Firma jubelte ich aus Solidarität mit meinem momentanen Chef für eben diese Mannschaft. Das Spiel flutschte nicht wirklich und als mal wieder einer dem anderen die Hacke vor den Fuß semmelte, machte J. ihre Sprüchekiste auf. „Krieg ist Menstruationsneid. Männer wollen auch mal bluten“. Blut war nämlich keines zu sehen, also aufgestanden und weitergespielt. Die Diskussion vor dem Fernseher blieb jedoch brav beim Thema. Und die drei Damen der Runde stellten fest, wie schön es wäre, die monatlichen FickDich-Tage tauschen bzw. Männern übertragen zu können. „Du, ich fahre doch nächste Woche in den Urlaub. Könntest du mal?“. Und ohne zu wissen, wie es sich anfühlt, einmal im Monat in allen Belangen ziemlich zerknautscht zu sein, fand der einzig anwesende Mann die neue Marktlücke für den Mann knietief im Dispo: Miet-Menstruator.
Wer möchte eine goldene Nase?

Hyperventilieren

Sie machen Geräusche wie Affen. Sie kommen plötzlich in quietschfarbigen Hemden aus ekliger Kunstfaser aus den Ecken gekrochen. Sie kraulen sich die Bäuche und kaufen sich alle zwei Stunden ein neues Päckchen Panini-Bilder. Sie essen schwarz-weiße Kaugummis, kicken mit allem, was ihnen vor die Füße kommt. Sie lassen kein Tageslicht mehr in ihre Zimmer, sondern geben ihrer unbändigen Liebe Ausdruck in Form von Fahnen. Sie wickeln sich Schals um alle erdenklichen Körperteile und küssen Plakate. Sei juchzen und zappeln.
Gleich geht´s los. Ich freu mich irre. Warum auch immer.

Meeren

Es gibt Wind, der pustet dir wahrhaftig den Kopf frei. Und die besten Orte sind die, die kein Ende haben. Wo man laufen kann, bis einem die Füße abfallen, und dabei der Blick nur Rapsfelder, Bäume und Himmel fängt, bevor er auf Wasser landet und nicht mehr aufhört. Das ist dort, wo du nichts hörst außer Rauschen. Wo du nichts fühlst außer Wind und Sonne. Das ist dort, wo Schlafen und Wachsein, wo Denken und Nichtdenken sich vermischen und so perfekt ineinander übergehen, dass man sich nicht mehr stößt. Hin und wieder muss ich dahin, wo Worte auseinander und ins Meer fallen, wo sich die Stirn entspannt und der Blick nicht auf dem Asphalt aufschlägt. Das ist ein Gefühl von dauerhaft einatmen, von immer mehr Luft in sich hinein lassen, die man dann nach Hause trägt, um leise und behutsam wieder auszuatmen und der Stadt etwas entgegen zu setzen.

Nach der Reha

Jetzt.de titelt: “Es war wie immer - gut”. Und ich sage, es war anders. Da waren Leute nicht, die sonst immer da waren. Da waren Leute, die man noch nie zuvor getroffen hat und trotzdem Worte fand. Da war ein Wetter, wie das dort noch nie gab. Voller Wut in dem Wind und leisem Geplänkel mit Wassertropfen, die dir nach einer Weile von der Stirn rinnen, als stündest sonstwo aber nicht bei Neustrelitz. Mit Karacho und Wolken und ein bisschen Abendrot bei Glück.

Da waren Bands, die mich enttäuschten (Appleseed Cast & Tomte), und andere, von denen ich noch am Anfang des Konzertes nicht dachte, dass sie so gut sind (Okkervil River). Es gab Bands, bei denen weiß man irgendwie, was kommt (Mia), und andere, für die das Gelände einfach zu groß und die Masse zu laut war (Gregor Samsa). Es gab die ewigen Helden (Pale) und die, die mich nicht berühren (Blumfeld). Es gab die, die zu früh spielten (Mew), und die, die zeitlos gut sind (Feist).

Wir trafen 6-Farben-Joe und ziemlich seltsame Menschen. Wir erfuhren, dass Milchschnitte ein zeitgemäßes Nahrungsmittel ist. Und in all dem Menschengewühl fanden wir auch ein paar, die es wert sind.

Ich habe gelernt, dass man zum Fußballgucken besser immer warme Klamotten anzieht, sonst wird es schnell doof. Ich habe gelernt, dass Chucks viel mehr aus- und abhalten, als man denkt. Ich habe gelernt, dass Männer zwei Tage lang von einem Baguette und einer dicken Wurst leben können.

Ich weiß jetzt also, dass es Leute gibt, die anderen Menschen Rucksäcke aus Zelten klauen und dessen Inhalt auf Zeltplätzen verstreuen. Ich weiß, dass man 6-Farben-Joes nicht zuviel Alkohol geben darf. Und dass das Zelten auf Festivals ohne Backstagedings wahrlich anstrengend war. Vielleicht werde ich älter. Na endlich.