(Emma und Jonas) Sand im Knie
Wir sangen mal ein Lied, da wurde alles wieder Farbe. Wir gingen mal durch die eine Straße da am Bahnhof und plötzlich war alles wieder gut. Und es gab diesen Moment, der nie mehr wiederkommt. Ich werde ihn nicht los und habe immer Beulen dort, wo Hosentaschen sind. Mit Momenten und Fäusten füllt sich der Stoff, mit Wartezeit und Haltegriff. Und jetzt ist es immer wie im Sommer, wenn alles zu warm und alles zu viel ist. Wenn man immer woanders sein will, weil man Angst hat sich aufzulösen, wenn die Luft so steht.
Dies ist wieder ein Tag mit den Geräuschen. Mit dem kleinen und lauten Klopfen, das mit Jonas aufsteht und ihm die Hand auf den Kopf legt. Der Puls wird hochgedreht und dann sind die Töne da. Das ist wie mit Emma. Wie in den Tagen, als sie morgens ihre Hand auf seine Stirn legte in der Hoffnung, das mache ihn ruhig. Ihr Herz geriet immer aus dem Takt, wenn er morgens mit dem ersten Licht aufsprang, die Füße aus dem Bett und sofort auf die Schuhe der letzten Nacht. Jonas wusste das nicht. Jonas wusste nicht, dass sie so war. Dass ihr Herz das nicht aushielt mit dem Auf und Ab und dass es nie eine Vorwarnung gab. Hin und wieder hatte sie richtig Angst vor dem Morgen, weil sie wusste, wie es werden würde. Und dass sie wieder die Letzte im Bett sein würde, die Letzte im Bad, die Letzte in der Wohnung, die Letzte auf der Straße. Immer zwei, drei Schritte Jonas hinterher. Und er hatte den Blick nach vorne gerichtet ohne zu wissen, wer da noch rennt.

Und wir hatten mal eine Nacht, da habe ich vergessen, wo oben und unten ist. Da war alles eine Richtung, ich konnte mich nicht falsch verhalten, wir waren einfach immer da und beieinander. Das war nicht in der Straße, das war in deinem Bett. Mehr war da nicht, da waren nur wir. Ich habe nicht daran gedacht, dass es auch noch andere gibt. Und du hattest es vergessen.
Die Melodien sind seitdem da. Seitdem sie weg ist, kann Jonas sie hören. Ihr Klicken und Klacken, hoch und nieder und den Tempiwechsel auf dem Zebrastreifen. Hinter dem Lenkrad die Vollbremsung im Kopf. Es ist mehr ein Pochen. Und sie geht nicht, Emma geht einfach nicht weg, ihr Herz, ihre Hand. Mehr wusste sie nie so zu bewegen, dass es andere nichts anging. Und als sie Jonas in der Bahn das letzte Mal gegenüber saß, da hat sie ihn noch einmal richtig angesehen und sich auf ihre Hand gesetzt. Man kann nicht einfach überall die Hand ausstrecken. Das ginge so nicht, hat man ihr gesagt. Und immer wieder sahen die Menschen aus, als habe man ihnen vor den Kopf gestoßen. Es war nur eine Hand. Durch Zufall ihre.
Es gab auch mal einen Ort, an dem hast du gesagt, die Zukunft sei groß und ich als Mensch sei noch größer. Erst letztens habe ich versucht, die geübten Klimmzüge einmal anzuwenden. Da habe ich gemerkt, meine Finger sind zu klein, meine Arme zu kurz, meine Beine zu steif und mein Bauch zu weich. Aber für mich hat es immer gereicht.
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. April 2006 um genau 23:41
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