Die Welt in ein paar Jahren
Martin ist 28 Jahre alt und bleibt selten länger als drei Monate an einem Ort.
Martin ist der Typ Unabhängigkeit, mit dem die Frauen einerseits oft nicht zurechtkommen, den sie andererseits aber auch oft sexy finden. Denn er genügt sich selbst und er geht, wenn es ihm zuviel oder zu schwierig wird. Martin ist Zimmermann und seit zwei Jahren auf Wanderschaft.
Gerade ist er in einem kleinen Ort bei Hannover. Auf der Reise hat er einen anderen Zimmermann kennen gelernt, dessen drei Jahre schon rum sind. In diesen drei Jahren darf man nach Zimmermannsregeln nicht nach Hause zurückkehren. Martin verbringt also den Winter in Christophs Haus, denn dort ist es warm, es gibt einen Ofen und wenn man dem Nachbarn Türen für den Schweinestall baut, bekommt man etwas Kleingeld und Wurst. Das reicht für ein paar Tage. „Die Ansprüche gehen in eine andere Richtung, wenn man so lange reist“, sagt Martin am Telefon.
Losgefahren ist er damals mit nur einem Rucksack und in der typischen Zimmermannskluft. Seine Freunde haben ihn bis zum Ortsschild begleitet, von da an muss der Zimmermann alleine gehen und darf sich nicht mehr umschauen. Mittlerweile war er in Südafrika surfen und hat in Kanada ein Blockhaus gebaut. Ein regelmäßiges Einkommen kennt Martin nicht mehr, man verdient sich mit Handwerksarbeiten, was man braucht zum Leben. Und dazu braucht man nicht soviel, wie man denkt. Nach zwei Jahren hat er seine Eltern gestern wiedergetroffen und seinen Mutter hat ihm die Kamera mitgebracht. Es würde einem sonst kaum einfallen, die großen Strände der Welt zu bereisen ohne einen Fotoapparat dabei zu haben, um alles festzuhalten. Martin hat die Geschichten im Kopf, die Namen und Gesichter, die Orte und Strecken.
Einmal hat er in einem kleinen Bergdorf in Argentinien nachts im Regen gestanden und hielt den Daumen raus, um weiterzukommen, einen Schlafplatz zu finden. Ein Auto hielt und wer saß drin? Seine Exfreundin, die zur selben Zeit gerade Urlaub in dem Land machte. Dass sie sich im selben Land befand, wusste er. Mehr aber nicht. Und schon ist die Welt wieder viel zu klein. Da fährt man ans andere Ende der Welt, um mal alleine zu sein und trotzdem reicht das nicht.
Jetzt ist Winter, Martin hat wenig Geld und wartet im Haus von Christoph, dass es wärmer wird und er wieder bessere Arbeitschancen hat. Gerade muss er in Deutschland eine Anstellung finden, es gibt da Probleme mit der Krankenkasse. Mecklenburg-Vorpommern sei die einzige Gegend, in der er länger leben könnte, wenn er in Deutschland leben müsse, sagt er. Wie es denn da mit Jobs aussähe, fragt er. Und ich kann ihm keine Antwort geben. Unsereiner denkt in Stellenanzeigen und Arbeitslosenstatistiken. Martin denkt in Kontakten, die er von anderen Kumpels auf der Reise hat, und ob es hier und da vielleicht Gutshöfe gibt, die Hilfe gebrauchen können.
Früher hatte er Kurhaarfrisuren, der Bart war in diversen Formen getrimmt. Jetzt gehen ihm seine Haare bis zur Brust, erzählt er. Ich weiß noch, wie wir mal auf einem Dach im Prenzlauer Berg saßen, als er noch in Berlin war. Nach seinem ersten Jahr in der Welt da draußen ist er noch einmal zurückgekommen, um sein Abitur nachzuholen. Und er hat auf die Dächer geschaut und gemeint: „Guck mal, das ist schon schön. Aber es gibt bestimmt noch hundertmal schönere Orte. Die will ich sehen“.
Wie lange er denn noch unter der Adresse dort bei Hannover zu erreichen sei, frage ich ihn. „Vielleicht zwei Wochen, vielleicht die nächsten fünf Monate“, heißt es.
Liz hat es verfasst, und zwar am 19. März 2006 um genau 17:23
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