Seele: Muskel oder Schleimhaut?

Replikantenpop in der Berliner Volksbühne

Der Zuschauer steht. Das wirkt am Anfang etwas beängstigend, man weiß nicht genau, ob man durchhält. Und im Raum steht abgesehen von dem Zuschauer noch ein riesiges Rondell aus Holz, eine Art Manege, die die Bühne von dem Rest trennt. Dieses Holzgestell geht einem bis zur Brust, man kann sich darauf stützen oder an die Wand lehnen, so dazwischen ist eher unpraktisch, denn es will immer jemand an einem vorbei. Also lehnt man sich mit dem Rücken an die Wand und wartet. Bald darauf geht das Licht aus dem Raum und hinein rennt ein Mädchen und singt ganz schief zu einem Gitarrenspiel. Dann ist sie wieder weg. So. Jetzt hat man die Aufmerksamkeit, jetzt kann es losgehen.

Zuschauer

Nach dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ von Philip K. Dick hat die Jugendgruppe P14 an der Berliner Volksbühne ein Stück gebastelt, in dem sich die Menschlein zwischen 14 und 20 Jahren tiefschürfende Fragen stellen. Welche Arten von Liebe gibt es? Und wem genüge ich überhaupt? Bin ich schön? Und was ist morgen? Letzten Endes ist das aber auch Glücksspiel. So ist das mit dem Goldsuchen nun einmal. Wer ist mein Zuschauer und hat dieser die gleichen Sorgen wie ich? Man kann eben doch nicht jedes Problem auf einen allgemeingültigen Satz runterbrechen. Aber der Gedanke ist doch ein guter. Und man macht sich eben so seine Gedanken in dem Alter, man fühlt sich halt zerrissen und oft nicht verstanden. Das kommt rüber, das hat auch jeder an sich selbst erfahren.

Philip K. Dick erzählt in seinem Buch „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ von Menschen und humanoiden Robotern. Nicht die Intelligenz unterscheidet die Androiden von den Menschen sondern die Empathie, die Fähigkeit sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Im Replikantenkaufhaus kann man sich Androiden aussuchen. Ganz nett wird dieses Bild dann auf das immer wiederkehrende Format Boygroup übertragen. Das Individuum als kleines Fizzelchen im großen System Gesellschaft, die Jugendlichen schwanken und tanzen uhrzeigergleich in der Mitte des Raumes. Sowas übt man in den Proben genau wie die Zeitlupentechnik und das Ausrasten, das Weinen auf Bestellung und das überdrehte grelle Lachen, das einem – wenn es gut gemacht ist – fiese Gänsehaut über den Rücken jagt.

Das P14-Schema bleibt leider oft dasselbe. Laute Musik mit viel Rummsbass und alle Darsteller fallen im Pulk übereinander her oder wüten sich über die Bühne. Oder die Tanzszenen zur selben Musik, den Vordermann im Blick, dann klappt das schon. Es gibt auch immer die zwei heimlichen Hauptdarsteller, die dürfen dann ganz oft und viel sagen, die sind auch meistens wirklich gut, aber dafür fallen zwei drei andere dann halt hinten runter. Die Scheu haben die Jugendlichen verloren, das ist mutig und recht groß. Aber doch bleibt das Gefühl, immer alles zeigen zu wollen, was man kann und was man gelernt hat. Dies endet leicht in inhaltlicher und darstellerischer Überfrachtung, im lauten Tamtam, denn man muss sich ja noch einmal auf den Boden werfen und noch einmal schreien. Dass ihr das könnt, wissen wir doch aber.

Boden

Schön wird das Stück, wenn es um Liebe und Leere geht. Da stellt sich die pinkperückte Madame in den Raum und sucht Aufmerksamkeit bei ihrem Freund, der leider gerade mit Fadenspielen beschäftigt ist. Das hat dann auch nichts mehr mit Androiden oder humanoiden Robotern zu tun, das ist einfach mal so aus der Realität geholt: „Ich zeig dir die ganze Zeit meine Seele, aber du schaust gar nicht hin“. Zu Gewinnen gibt es dabei nichts, Antworten gibt es auch nicht, aber noch am nächsten Morgen unter der Dusche denke ich an das Lied, dass das Mädchen mit der rosa Perücke sang: „Wenn Gwyneth Paltrow morgens aus der Dusche kommt, kann sie unmöglich schöner sein als ich. Und doch hat selbst ihr Duschvorhang noch Hollywoodflair..“. Das ist die große Szene in dieser einen Stunde.

Vielleicht bin ich für den Rest schon zu alt, vielleicht habe ich auch einfach schon zu oft P14-Stücke gesehen. Man versucht sich hier an Brave New World und großen Emotionen. Es misslingt nicht, aber hin und wieder fehlt ein Quäntchen Sensibilität, was den Aufbau betrifft. Man misst großes Theater nun mal nicht an ungewöhnlichen Utensilien und ich frage mich wirklich, was diese Schneekanone und die Federn da zu suchen haben. An dieser Stelle kommt die Frage des Stückes mit der Darstellergruppe und dem wahren Leben zusammen: Im großen Viel der Welt will jeder besser, größer, lauter sein als der andere. Manchmal aber reicht doch das, was man ist, was man hat. Und der Rest ist wieder nur Dekoration, die irgendwann umkippt, die nicht hält.

(Das Stück läuft noch am 16. und 18. März um jeweils 20 Uhr im dritten Stock der Berliner Volksbühne.)

Liz hat es verfasst, und zwar am 7. März 2006 um genau 21:34
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