Ich bin nicht gut in Abschieden. Das habe ich schon oft gesagt. Und ich tue ein Gutes (mein Bestes ist es noch nicht, warum auch immer), um im neuen Jahr den Fuß in die Tür, den Arsch vom Hocker, volle Breitseite und wie man das sonst noch so nennt zu bekommen. Jetzt ist Schluss mit brav genickt und gewartet, jetzt wird gefragt und genervt, gepocht und probiert. Mehr kann ich nicht. Ich will mich noch nicht festlegen, weil ich Angst habe, bereuen zu müssen. Jetzt muss ich also überall durch und am Ende eine Zusammenfassung schreiben. Kosten-Nutzen-Aufstellung und dann gucken, wo ist mein Herz. Mir bringt das große Konto oder klare Aussichten nix, wenn ich die Leidenschaft zu Hause lasse und dieser sage: „Keine Angst, ich komm wieder. Warte noch ein Weilchen. Aber du kannst mich anrufen, wenn du magst. Ich bin nicht aus der Welt“.
Ich will den Knaller irgendwann und mir nicht irgendwann sagen müssen, ich hätte es nicht probiert oder irgendein dämliches System habe es mir schwer gemacht. Ich will eher die Sorte sein, die sich nach einem gelungenen Essen den kugelrunden Bauch tätschelt und zufrieden brummelt: „Das hast du gut gemacht. Zum Glück hab ich auf dich gehört!“.
Um dahinzukommen, muss ich noch suchen. Aber besser am Ende völlig fertig sein und schwitzen und schreien vor Wut mit der Schatzkarte in der Hand, um dann mit einem Plumps im Kissen landen und zu wissen: “Navigationssystem, du bist ja noch da, dich hat man nicht ausgebaut, du wirst weiterhin monoton deine Anweisungen geben, jetzt darf ich mich fallen lassen”. Wirklich immer noch besser, als völlig nervös und mit zitternden Händen auf irgendwelchen Wegen herumzugondeln, während die Anzeige und die Maschinenstimme sagt, ich sei am Ziel, ich mich aber nie zu Hause fühle. Immer noch besser. Auf Schablonen kann man zurückgreifen, die laufen nicht weg. Mir bringen die großen Stationen auf dem Zettel nichts und auch nicht die geraden Linien, wenn ich mit einem Bein woanders hängengeblieben bin. Und wer will den Fuß nun?
Liz hat es verfasst, und zwar am 9. Januar 2006 um genau 23:23
Kategorie : Moi | 0 Kommentare
Eis und das erste Wochenende des neuen Jahres liegen schubkarrenweise auf den Straßen rum. Auf dem Alexanderplatz hat man den Augenblick verpasst und spielt noch Weihnachtsmarkt, während sich die Kinder aus den Blockbauten von Omas Geld aus der Strumphose neue Mobiltelefone kaufen. Im Schaufenster sitzt ein Kind mit Geige, krempelt die Beine um den Stuhl und leise bimmelt die Packstation. Pflasterstein und den Magen voller Kiesel, während im Hinterhof die Mülltonne brennt. Warum man im Winter in Berlin keine Filme dreht? Weil man nicht weiß, wo man anfangen soll.
Während Nancy sich die Augenbrauen in der Straßenbahn nachzieht, übt ihr Freund mit dem Sprachfehler schonmal das mit den Klingeltönen. Und die, die dann doch verliebt sind, legen sich kopfschüttelnd gegenseitig die Hände auf die Knie. Man weiß ja nie, woher das Krachen kommt. Die Bürgersteige sind vollgenadelt, morgens ist es dunkel, abends ist es dunkel und dazwischen fällt das Licht nur durch Glas. Straßenkehrmaschinen schieben sich elefantös die kleinen Hügel hinauf und wieder stirbt ein Fahrrad am Vergessenwerden. Die Tüte des Elektromarktes fährt auf dem Sitz mit bis zur Endstation. Warum die Menschen fluchtartig die Stadt verlassen, wenn es kühler wird? Weil sie nicht wissen, wo sie anfangen sollen.
Die Turnschuhe bohren sich in den braunen Matsch, Ronny klingelt Sturm. Der Schlüssel ist in der Tüte, diese am Ende seiner kleinen Welt, er war da noch nie. Oma hat wieder angerufen, das Kind aus dem Schaufenster schleppt seinen Koffer nach Hause (ja, es hat eines) und hat die Noten vergessen. Am nächsten Morgen steht die verkohlte Tonne vor der Haustür. Die mit den Händen auf den Gelenken sind auch nur Lebensabschnittsgefährten, alles hat ein Ende und Nancy ist wütend, weil sie friert. Sie legt den Kopf in den Nacken und schaut bis über den 15. Stock. Man hat dem Fahrrad die Räder geklaut. Warum die, die zurückbleiben, immer so enttäuscht aussehen? Weil man nicht alles haben kann. Und an irgendwas muss man sich ja festhalten.
Liz hat es verfasst, und zwar am 6. Januar 2006 um genau 21:02
Kategorie : Berlin | 0 Kommentare
Berlin-Lankwitz. Publizistik- und Kommunikationswissenschaften darf man hier studieren, kann man aber kaum. Lehrkräfte gehen flöten, die Struktur wird nicht saniert, aber der Rasen auf dem Campus wegbetoniert. Das neue Jahr beginnt mit einem weiteren Personalausfall und die Gesichter der Studenten im großen Vorlesungssaal sehen aus wie die Dämmerung am Stadtrand. Aschfahl. Das Institut hat nicht nur eine Erkältung, sondern etwas schwerwiegendes. Die Frage ist, wo man sich angesteckt hat und wer sich nun verantwortlich fühlt.
Die Institutsgeschichte leuchtet hier und da mit ein paar Namen, u.a. auch Emil Dovifat, der zu den Gründern des Institutes für Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin gehört. Heute stolpert sie Stufe für Stufe gen Auflösung, von Leuchten keine Spur mehr, man beachte die vielen Grautöne der Steinplatten, mit denen der Boden des Campus´ gepflastert ist. So fühlt es sich eben an, wenn ständig Lehrkräfte ausfallen und nicht mehr wiederkehren. Wenn die, die noch da sind, entweder verfeindet oder völlig überlastet sind. Es ist kalt und behagt niemandem sonderlich.
Da steckt man den Kopf doch lieber in den Medienwust, anstatt mit der Kommunikationsforschung am eigenen Institut zu beginnen, denn auf diesem Gebiet hat man in Lankwitz arge Probleme. Der eine Professor verschweigt da nicht, dass er den anderen bis auf´s Blut hasst und ihn am liebsten rausschmeißen würde. Und die Frage nach Verantwortung wird auch gerne auf den anderen abgewälzt oder schlicht und einfach nicht beantwortet.
Dazu hat man sich mit dem Bachelor-Studiengang nicht nur ein wenig übernommen. Ein Mono-Bachelor wird mal eben mit einem Kombi-Bachelor verwechselt und nach einem Jahr erst bemerkt. Die Zweitfachplätze werden dann im laufenden Semester an anderen Instituten erbettelt und unerfahrene Erstsemester springen sowieso ins Eiswasser, was Organisation und universitäres Eigenmanagement angeht. Proseminare, die normalerweise für ca. 30 Leute konzipiert sind, müssen die sechsfache Anzahl an Teilnehmern durch die Sitzungen buckeln, Hausarbeiten bekommt man im Schnitt nach einem dreiviertel Jahr zurück und das elektronische Campus-Management, welches an der kompletten Restuniversität eingeführt wurde, wird erstmal abgelehnt. Niemand hat Zeit, sich mit sowas zu beschäftigen. Und im Hof rostet still ein Metallklopps á la Kunstobjekt vor sich hin.

2700 Studenten standen bis vor kurzem fünf arbeitsfähigen Professoren gegenüber. Das neue Jahr hat begonnen, jetzt sind es nur noch vier. Gernot Wersig, geschäftsführender Direktor des PuK-Instituts, ist schwer erkrankt und wird auf unbestimmte Zeit fehlen. Dass er noch im Dezember dem studentischen Internet-Magazin Polar ein Interview gab, in dem er sagte: „Im Moment sind wir nur damit beschäftigt zu überleben“ entbehrt jeglicher Ironie. Wer nun die vielen Aufgaben von Herrn Wersig übernimmt, bleibt ungewiss.
Prof. Dr. Jürgen Weiss überbrachte den Studenten heute diese Nachricht und geriet dabei ins Stocken. Denn niemand weiß, wie lange es noch dauert, bis den Letzten die Arme schwer werden. Studenten vermuten, FU-Präsident Prof. Dr. Lenzen warte auf diesen Moment der Institutsaufgabe. Bis jetzt schweigt er zu diesem Thema beharrlich. Wie gesagt, das mit dem Frage- und Antwortspielchen nimmt man hier nicht so genau.
Liz hat es verfasst, und zwar am 5. Januar 2006 um genau 23:49
Kategorie : Berlin | 3 Kommentare
Mir brummt der Kopf von diesem Dozenten, der sich Studenten für sein Ego hält. Der sich selbst zur Messlatte macht, an der alles andere scheitern muss. Die Finger immer flink am Rand seines Wollpullis, die Worte scharf und spitz herausgeschleudert. In den Bänken halten sich die Menschen die Hände vor die Augen. Und er springt dir beim Reden fast ins Gesicht, während er schwafelt von seinen Heldentaten, von den großen Irrtümern unserer Zeit und dass er zwar keine Lösung aber doch die Beschwerde en masse parat hat. Da brüstet er sich in graphisch nicht sonderlich anspruchsvoller Form im Internet mit kleinen Designproben auf Plattencovern, mit kleinen & wirklich nicht guten Kolumnen im Stadtmagazin, mit kleinen Posten in irgendwelchen Räten und Kommissionen. Aber immer sei er der Stein des Anstoßes gewesen, die Keimzelle der Revolution, die Rettung aller Journalistinnen und Journalisten. Dabei streicht er sich genüsslich den Schnauzbart, grinst die Tischbänke an, denn das mit den Gesichtern traut er sich zwar, stößt aber auf wenig Resonanz. Es zieht in den Ohren. Und stillhalten kann er auch nicht, sondern wabert anderthalb Stunden durch diesen stickigen Raum, immer darum bemüht aus jeglichem Faktum noch eine persönliche Notiz zu machen, die kommentiert und abgewatscht werden muss. Ich will ihm den Mund verbieten, weil wir keine Selbsthilfegruppe für Egomanen sind, sondern andere Dinge Thema.
Das einzige, was ich in diesen Sitzungen lerne, ist Selbstbeherrschung. Und ich nehme den Wunsch mit, es niemals selbst nötig zu haben, mein Ego dermaßen ungeniert mit studentischer Zeit aufpolieren zu müssen. Lankwitz, Auffangbecken für Gescheiterte.
Liz hat es verfasst, und zwar am 3. Januar 2006 um genau 23:14
Kategorie : Moi | 0 Kommentare