Die Sache ist ja die, dass es so viele Sachen sind.

Monat: Januar, 2006

Anschreiben schreiben an X

Es ist zum Ausrasten. Da schreibt man sich sonst die Finger wund und den Kopf blöd, da fallen einem unterwegs tausend Sätze ein, die man nicht verlieren will, da hat man Bilder im Kopf zu Musik und Musik zu Worten und Worte zu Bildern, aber wenn es dann mal drauf ankommt, krepelt man herum wie auf Krücken. Anschreiben schreiben macht mich zur Denklahmen, meine Worte sind plötzlich wie Steine im Mund, der Ausdruck mit Kleber verstopft. Gebt mir die Leichtigkeit zurück.
Jemanden, den man noch nie gesehen hat, von sich zu überzeugen, dabei glaubhaft und man selbst zu bleiben, ohne sich aber völlig zurückzunehmen oder zu überschlagen: es ist mir ein Gräuel. Ja bitte, schauen Sie sich meine Bewerbung an. Ja, um Gottes Willen, ich bin hoch motiviert und nicht doof dazu. Ja, ich bin jung, aber deswegen nicht dumm. Ja, ich hab noch nicht tausend Praktika gemacht, aber deswegen will ich ja zu Ihnen. Nein, ich kniepel mit den Fingern nicht am Saum meines Rockes, wenn sie mich einladen. Mir schlackern auch nicht die Knie. Vielleicht frage ich mich, wohin mit meinem Blick, aber das gibt sich ja, das gibt sich immer.

Sich selbst ins rechte Licht rücken ohne Schatten auf den Wangen zu machen oder die Stirn zu sehr glänzen zu lassen. Es ist wirklich das Schlimmste an so einer Bewerbung. Formulier mir in drei Absätzen, warum ich mir dein Journal überhaupt durchlesen soll, ohne dabei in Klischees zu stochern oder langweilig zu sein.

Witz, komm raus, du bist umzingelt.

ALL YOU NEED IS A SWEATSHIRT!

LET YOUR TSHIRTS BURN.

Vielleicht sollten wir uns besser dran gewöhnen

Du musst nur lange genug laufen, dann sprengt dir das Minus den Kopf weg, der Wind bricht dir die Stirn, du verlierst jeglichen Starrsinn, alles krempelt sich nach außen, wenn du nur weit genug gehst. Wenn du nur weit genug gehst, knacken die Sohlen unter dir, Eis wird zu Berg wird zu Straße und das sind keine Drogen, das ist nicht anderes als sonst, nur leerer, nur kälter, nur klarer, du musst nur lange genug laufen. Und wenn du lang genug läufst, triffst du hier und da ein paar dunkle Gestalten, kapuzenbedeckt und die Schritte genauso steif gelaufen wie deine, die Hände zu Fäusten, man sieht sie nur jetzt, sonst fallen sie nicht auf, Schneeball, Schneemann, ist es Boden, ist es Eis, wenn du nur weit genug gehst. Und wenn du weit genug gehst, merkst du es irgendwann nicht mehr, fängst noch einmal an, dann bist du wieder zurück, du musst nur lange genug laufen.

Draußen ist es wie in dreißig Jahren vielleicht immer.

Wie viele Menschen passen in einen Kühlschrank?

Ich war vorher noch nie im Varieté. Ich hielt das für Schund und Zeitverschwendung. Einen schlecht gekleideten Moderator mit ein paar Hanseln anzuschauen, die sich in kurzen Showeinlagen mühen, betuchte Senioren und verirrte Touristen zu unterhalten, deren Lacher einsam im Raum verhallen, und dafür auch noch Geld zu bezahlen, das habe ich nicht eingesehen und mich dem bisher also erfolgreich und ohne große Anstrengung entzogen.

Gestern hat es sich aber doch ergeben, dass ich umsonst eine Show im Berliner Chamäleon zu sehen bekam. Ich setze also mich und meine Zweifel an einen dieser kleinen runden Tische, bestelle Rotwein und warte ab. Der Blick schwenkt einmal durch den Raum und meine Vorstellung von Publikum bestätigt sich. Das Licht macht sich auf und davon und ich stelle meine gestiefelten Füße nebeneinander und halte den Atem an. Ich denke an Dauergähnen und Rückenschmerz, als man die erste Frage stellt.

Kann ein Apfel, in den du nie reinbeißt, einen Traum verkörpern? Und wie viele Leute passen in einen Kühlschrank? Wer rettet dich vor schlechter Poesie und ist man ehrlich zu dir? Welche Sitzpositionen lässt eine Treppe zu und wer legt dir das Messer in die Hand? Bist du die Stimme im Radio oder lügt man dich an? Was ist Licht, was ist Schatten und verderben Videospiele wirklich den Geist?

Das packen sie in Körperkunst und Musik vom Mischpult. Hinter diesem steht Pocket, ein Mann in den Vierzigern, und holt aus seinem Mund jeglich erdenkbares Geräusch. Er scratcht und friemelt Beats und Ton zu jeder Bewegung, untermalt Biegen und Brechen mit Klang in Echtzeit.

Und der Rest der 7 Fingers gibt mir das Gefühl der Bühne zurück. Zwar finde ich den Stücktitel „Loft“ unglücklich gewählt und auch keinen roten Faden oder große Handlung, aber darauf liegt der Fokus auch nicht, das ist mir egal. Mir fällt aber wieder ein, wie das ist, wenn dir der Körper abhanden kommt. Tanz ist ein bisschen wie Oper. Du hast nur ein einziges Medium, um dem Gefühl Raum zu geben, das alles einnimmt. Den Rest spürst du nicht mehr; dein eigener Körper wird dir fremd, weil er dir so eigen ist wie sonst nie.
Mit den Menschen in Weiß auf der Bühne, die sich winden und rollen, die sich tragen und schieben, die sich fallen lassen und Spannung halten, kommt die Erinnerung zurück an die Zeit von Muskelkater und dem Gefühl des Bodens, wenn du nach drei Stunden Training nicht mehr weißt, wo oben und unten ist, aber sich im letzten Durchgang der Rücken so biegt, wie er soll, das Bein so hoch kommt, wie lange nicht.

Sie machen auch Zirkus da vorne, ich sehe das kaum, komme mit den Augen erst zum Wesentlichen zurück, als sich die eine nur am Kopf gehalten von der Decke zum Boden dreht. Das ist der Unterhaltungseffekt, da gucken die Leute und es geht ein Raunen durch die Menge. Danach dürfen sie wieder lachen bei dem Gescheiterten und seinem Gedicht über Einsamkeit, das offenkundig so schlecht ist und durch Gelächter der Schauspieler die lächerliche Farbe erhält, dass es einfach ins Publikum schwappen muss. Man muss dem Zuschauer ja helfen. Der Vortragende ist der Trottel, das ist die Show und was danach passiert, das wollen Oma Erika und Opa Heinz gar nicht verstehen. Da kommt der Dumme nämlich aus sich heraus, da ist es plötzlich wieder ganz Tanztheater und es wird dunkel, da kommen Video und Leinwand ins Spiel, die viele Facetten des eigenen Ichs und (Hoppla!) auch der Schmerz. Ich lache, als in der kleinen stillen Sekunde nach jeder Szene im Stück, die eigentlich für den Applaus reserviert ist, hier keiner klatscht und erst zögerlich applaudiert wird, als Madame Schöngesicht das Ruder rumreißt. Darauf waren sie nicht gefasst, die sonst so nett flanierenden Koffertouristen, die auf laute, bunte Unterhaltung getrimmten Föhnfrisuren.

Knappe zwei Stunden später merke ich zum ersten Mal wieder meinen Atem bewusst. Und es ist nichts anderes als Wehmut, als das Licht zurückkommt und die Musik dem munteren Brabbeln der Zuschauer gewichen ist. Ich bleibe noch sitzen, es gibt keinen Abspann. Um mich herum zieht man sich die Pelzmäntel an, die verschwitzten Gesichter der Akteure mischen sich unter´s Volk, man will ja greifbar sein. DJ Pocket steht am Piano im Garderobenbereich und schaut aus dem Fenster. Vielleicht denkt er an Montreal, vielleicht an den Schnee. Vielleicht ist er müde. Stellen Sie sich doch mal jeden Abend in der Hauptstadt in Unterwäsche auf die Bühne und gehen Sie an Ihre Grenzen. Ich möchte wissen, wie Sie dann aus dem Fenster gucken.

Ist das der Apfel, in den man nie hineinbeißt?

Kalender und Uhren

Manchmal will ich einfach nur vergessen, was all die Zahlen heißen. Was jede von ihnen bedeutet und all die Kombinationen. Was Kalendarien mit den Menschen machen. Und auch Alphabete. Ich will einen Tag nicht mehr lesen können und die Ziffern nicht mehr kennen. Einen Tag lang geradeaus schauen ohne jedes Wort im Geiste mitlesen zu müssen. Niemals Ruhe im Blick und im Kopf. Ich will einen Tag lang nicht mehr wissen, was Montag bedeutet oder „Wir treffen uns dann in einer Stunde“. Ich will auf die Uhr schauen und mich fragen können, warum der große Zeiger den kleinen ständig überholt. Es soll mir egal sein, wenn die Menschen von den großen Plänen für die nächsten Jahre sprechen und sich merkwürdige Zeichen in die Notizbücher krakeln. Ich würde aus den runden Kreisen, die so manche Zahl betonen, vielleicht Bälle oder Blumen malen. Ergänzung als Ausweg aus der Unwissenheit, Bedeutungsumformung zum Sinn daneben. Mir soll dieser ganze Scheiß für einen Tag mal egal sein.

FEBRUAR HEISST LOS

28.02.2006 sprach:Rausch
Ein Buch mit leisen und lauten Stimmen kommt heraus. Manche kennt man, manche noch nicht. 4 “Emma&Jonas”-Geschichten von mir hat man drunter gemischt.

28.02.2006 Lichter-Sampler: Sketchbooks
Das Online-Magazin “Lichter” hat einen Pop-Sampler umgesetzt. Und me vs me spielen mit.

Die Frauen mit den weichen Händen

Meistens sieht man sie hinter Tresen schwarze Bohnen in braune Papiertüten füllen. Sie legen sich dann zwischendurch sachte mal den Finger an den Hals. Der hat da nichts zu suchen, der findet dort auch nichts, es ist auch ein bisschen Koketterie. Die, die bestellen, schauen einen ja meistens an. Verlegenheitsgesten passieren schon einmal, hier ein Finger, da eine Strähne und ein Atmen durch die Lippen. Sie können das gut, mit jedem Mal besser, den Schaum aufschlagen, dann lautlos die Prise Kakao darüber, während im Hintergrund sanfte Männerstimmen eine Gitarre zupfen. Meistens sind sie wirklich schön, die Frauen mit den Händen, die immer aussehen, als seien sie frisch eingecremt und eben erst aus Samthandschuhen geschlüpft. Ich bin auch meistens gut gelaunt, wenn ich diese Läden betrete. Duft macht schon eine Menge aus und dass da jemand allerhand Gebackenes so nett drapiert hat. Und wie das Licht fällt. Und wie die Frauen mit diesen Händen hinter dem Tresen lachen.

Meistens verbrenne ich mir den Mund und oft kommt der Gedanke wieder, wie es wäre, selbst dort zu stehen. Hinter einem Tresen in einem Laden mit orangefarbenen Licht. Wenn meine Hände diese Kniffe täten. Mit all den Tüten und Dosen, mit den Hebeln und Wassern. Und du selbst suchst dir die säuselnden Stimmen aus, die bis nach draußen reichen, wenn jemand die Tür einen Moment zu lang offengelassen hat. Stöbert Schnee genauso, wenn zwischen der Scheibe, die das Draußen zeigt, und dem eigenen Auge noch eine Theke steht, deren Inhalt man jeden Tag präzise anders legt?

Ich atme auf, als ich einfach gehen darf und nicht mehr fegen muss und die Aschenbecher ausleeren. Ich bin froh, dass ich mein Glas stehen lassen und die Tür einfach zumachen kann, ohne abschließen zu müssen und auf den Strom und das Licht zu achten. Und dass es noch nicht Routine ist, durch diese Tür an der Ecke zu gehen. Dass ich mich auf den Zimtzucker freuen kann und mein Blick nur dessen Farbe auffängt, sich dabei aber nicht fragt, ob nicht besser noch mal nachgefüllt werden sollte, bevor die ersten Gäste kommen. Dass ich diese Hände einfach nur anschauen kann und mich nicht immer fragen muss: „Wohin mit dem Finger?“, wenn die Türglocke schläft.

Von Mut und den anderen

Wenn man sich nicht mehr traut sich umzudrehen, dann geht man immer weiter weg. Oder wenn einem der Stolz im Nacken sitzt. Und irgendwann sind dann die Schritte leise und die Worte sind auch kein Echo mehr. Manche suchen sich dann einen Baum und ritzen Worte hinein, andere springen von Hochhäusern. Hier und da gibt es ein paar, die überwinden das. Die sehen sich an und wissen noch, wer sie sind, wenn sie sich gegenüber stehen. Die nehmen sich auch irgendwann wieder für voll. Andere kriegen das nicht hin. Die bleiben dann da, wo sie sind und fangen ein neues Leben an, ohne das alte beendet zu haben. Und ohne Auf Wiedersehen. Die knicken sich die Rückspiegel am Auto ab und hoffen auf das Glück, die drehen das Radio laut auf, damit sie sich selbst nicht hören müssen und halten nie an, machen nie Pause. Autobahnen enden in den seltensten Fällen einfach so. Und die, die es schaffen, die ziehen sich Hausschuhe an, damit es nicht so klackert auf dem Boden. Damit der andere schlafen kann. Und wenn sie sich dann dazulegen, dann schauen sie noch mal. Es stimmt nämlich nicht, dass man im Dunkeln nichts sieht. Wenn man nicht mehr Gute Nacht sagt, geht man immer weiter weg.

Manchmal stehen die einen vor ihrem Fenster zum Hof und sehen, wie die anderen gerade das Licht ausmachen. Und die Äste der Kastanie machen Falten in die Scheibe. Es stimmt einfach nicht, dass man nichts sieht, wenn es dunkel ist.

Stimmen haben ein Gesicht

„Es ist total schwierig über Radio zu reden“, sagt der Radio1-Moderator Robert Skupin. Und dieses eine Mal spricht er nicht morgens aus meinem schnarrenden kleinen Apparat, kurz nachdem ich aufgestanden und ins Bad getorkelt bin. Er sitzt zurückgelehnt vor einer riesigen Glasscheibe und legt die Fingerspitzen aneinander. Entspannt schaut er in die Runde, der Blick aber geht in die Luft, ins Leere, als er zu erzählen beginnt. Zwischen den schnellen, springenden Sätzen sieht er einem manchmal kurz ins Gesicht, dann ist er wieder weg mit den Augen. Und ich komme nicht los von dem Bild, dass er so wohl auch im Studio sitzt, vielleicht noch etwas geschäftiger mit der Technik beschäftigt. Die Augen dabei auf etwas geheftet, das stillsteht, auf den Raum. Damit er selbst nicht aus dem Takt kommt.

Eigentlich wollte ich es immer vermeiden, Bilder von diesen beiden Stimmen zu sehen, die mich zum Lachen brachten in kleinen Küchensituationen oder eben vor dem Badezimmerspiegel. Und am Anfang dieser Runde von Studenten aus Leipzig und Berlin um Robert Skupin im Rahmen des 6. JournalisTisches muss ich mich auch erst einmal daran gewöhnen, dass die Stimme plötzlich ein Gesicht hat. Eines mit Mimik und einen Körper mit Sprache dazu. Robert Skupin spricht wie ein Wasserfall, die Betonung wird mir im Laufe der Zeit vertrauter, da ist kein Unterschied im Fluss und der Wortwahl, er redet wohl immer so. Und scheint geübt darin.

Die Zweckehe Volker Wieprecht und Robert Skupin, das Radio-Duo, die Schwärme der Mitdreißigerfrauen in Berlin und Brandenburg, die Typen mit den netten Witzen und intelligenten Einwürfen… man baut sich ja so ein Bild im Kopf. Ich muss an meine Mutter denken, die meinte, wie sexy sie die Stimmen der beiden fände. Und ich als naiver Rezipient habe nicht darüber nachgedacht, ob sie sich die Inhalte ihrer Sendungen noch selber zurecht schnipseln. Lustig waren sie und nicht hohl dazu; florierendes Unterhaltungsprogramm im Gegensatz zur Restdürre auf den meisten Sendern, so mein Bild. Da sitzt er nun und spricht von Firmen und Anteilen und Programmkonzepterei, als sei es das Normalste der Welt. Aber die Sendungen auf Radio1 machen andere, die müssen sie dann nur noch abnehmen und moderieren. Und in meinem Kopf platzt ein kleines naives Weltbildseifenbläschen vom kreativen, selbstschaffenden Radiokopf.

Aber immerhin, der Gedanke ist ein guter. Die Visionen von der Zukunft des Radios sieht Skupin realistisch. Schwieriger wird´s auf dem Markt, Radio1 wird wohl überleben, von Formatradio mit Verstand ist die Rede. Mir ist, als hätte ich das schon einmal irgendwo gelesen, Phrasen gehören also dazu. Aber „bei Energie läuft die Musik ja wie Tapete im Hintergrund“. Man wird sich schon halten können mit dem, was man macht. Robert Skupin steht auf dem Boden, auf einem im vierten Stock: „Der Imagewert von Radio1 ist schon viel höher als das Programm dahinter“.

Er ist einer von der sachlichen Sorte, für die persönlichen Dinge sei Herr Wieprecht zuständig, der „holt die Menschen persönlich ab“. Schillernd sei das Leben als lokale Radio-Ikone hier und da, aber eigentlich habe man schon das Gefühl, dass man „nicht sowas ganz tolles ist“. Kritik kommt an, persönlich oder per Mail und da geht´s dann schonmal „Dong Bong Bong“ auf den Boden der Tatsachen zurück und ran an die Substanz, auch an die persönliche. Und die Freundin piekt dann am Abend: „Im Radio bist du immer so lustig und zu Hause so´n lascher Sack“. Nun ja, das Leben ist kein Radiojingle.

„Fühlst du dich manchmal leer gequatscht?“ – „Ich fühle mich nicht nur so. Ich bin es.“

Weckern

Ich bin nicht gut in Abschieden. Das habe ich schon oft gesagt. Und ich tue ein Gutes (mein Bestes ist es noch nicht, warum auch immer), um im neuen Jahr den Fuß in die Tür, den Arsch vom Hocker, volle Breitseite und wie man das sonst noch so nennt zu bekommen. Jetzt ist Schluss mit brav genickt und gewartet, jetzt wird gefragt und genervt, gepocht und probiert. Mehr kann ich nicht. Ich will mich noch nicht festlegen, weil ich Angst habe, bereuen zu müssen. Jetzt muss ich also überall durch und am Ende eine Zusammenfassung schreiben. Kosten-Nutzen-Aufstellung und dann gucken, wo ist mein Herz. Mir bringt das große Konto oder klare Aussichten nix, wenn ich die Leidenschaft zu Hause lasse und dieser sage: „Keine Angst, ich komm wieder. Warte noch ein Weilchen. Aber du kannst mich anrufen, wenn du magst. Ich bin nicht aus der Welt“.

Ich will den Knaller irgendwann und mir nicht irgendwann sagen müssen, ich hätte es nicht probiert oder irgendein dämliches System habe es mir schwer gemacht. Ich will eher die Sorte sein, die sich nach einem gelungenen Essen den kugelrunden Bauch tätschelt und zufrieden brummelt: „Das hast du gut gemacht. Zum Glück hab ich auf dich gehört!“.

Um dahinzukommen, muss ich noch suchen. Aber besser am Ende völlig fertig sein und schwitzen und schreien vor Wut mit der Schatzkarte in der Hand, um dann mit einem Plumps im Kissen landen und zu wissen: “Navigationssystem, du bist ja noch da, dich hat man nicht ausgebaut, du wirst weiterhin monoton deine Anweisungen geben, jetzt darf ich mich fallen lassen”. Wirklich immer noch besser, als völlig nervös und mit zitternden Händen auf irgendwelchen Wegen herumzugondeln, während die Anzeige und die Maschinenstimme sagt, ich sei am Ziel, ich mich aber nie zu Hause fühle. Immer noch besser. Auf Schablonen kann man zurückgreifen, die laufen nicht weg. Mir bringen die großen Stationen auf dem Zettel nichts und auch nicht die geraden Linien, wenn ich mit einem Bein woanders hängengeblieben bin. Und wer will den Fuß nun?