030-24122006

Seit einer Stunde sollten wir uns vielleicht alle selbst in den Arm fallen. Uns an uns selbst anlehnen. Uns selbst die starke Schulter sein. Uns selbst die Hände halten. Mitunter falten. Vielleicht sollten wir seit einer Stunde die Glühweintasse umklammern und mal wirklich in uns gehen. Vielleicht sitzen wir ja seit einer Stunde und lassen Revue passieren und kommen kaum hinterher, weil wir uns ja eigentlich wehren gegen diesen 24er-Zwang, nachdenklich zu werden, und können kaum glauben, dass wir es doch sind. Vielleicht denken wir aneinander in unseren Küchen, in denen die Boiler allein vor sich hin blubbern und die hellen Teelichte immer weniger werden. Vielleicht drücken wir im Kollektiv seit einer Stunde die schnellen Lieder weg und erschrecken mitunter, wenn wir im Augenwinkel als Titel des aktuellen Liedes lesen: Ziel verfehlt. Es könnte sein, dass im Haus gegenüber auch jemand Tassen spült und sich kaum traut zu atmen, weil das erste Mal seit langem dieses Gefühl zurückkommt.
„Die Zeit vergeht mittlerweile wie im Flug und früher saßen wir noch da und haben unsere Eltern ausgelacht, wenn die sich wunderten, dass schon wieder ein Jahr rum ist.“
Und vielleicht haben noch mehr vor einer Stunde zufällig auf die Uhr geschaut und konnten es kaum glauben, weil es so gut funktioniert, wenn man über Jahrhunderte weg Tagen einen Namen gibt und Traditionen pflegt. Es funktioniert so gut, dass man es hin und wieder kaum glauben kann, wie einem dieser Schauer über den Rücken läuft, weil man merkt, dass man erwachsen wird. Vielleicht haben noch mehr Leute all ihre Fehler zum Tee eingeladen, um einander mal wieder wirklich in die Augen zu sehen und sich mitten ins Gesicht zu sagen, was einem am anderen nicht gefällt und warum man so selten miteinander spricht, aber doch nie voneinander loskommt. Vielleicht holen noch mehr seit der letzten Stunde Fotos aus dem Schrank und schauen Bild für Bild einer Vergangenheit ins Gesicht, die größer kaum sein könnte. Weil sie ja alles ist, was man hat und ist, wenn man das Jetzt abzieht.
„Plötzlich verändern die Dinge dein ganzes Leben, während früher zwar Sachen passiert sind, aber doch immer irgendwie nicht ganz so wichtig waren, als dass sie dich total aus der Bahn werfen konnten. Mittlerweile ist fast jeder Tag irgendwie bedeutend. Sowas kann einem doch nur Angst machen.“
Seit einer Stunde verzähle ich mich immer und immer wieder beim Versuch, den Lichtern der Kette an der Wand eine Zahl zuzuordnen. Lichtjahre. Entfernungsparameter bei der Berechnung der Strecke zu sich selbst und all dem, was passiert ist. Oder Millimeter.
Liz hat es verfasst, und zwar am 24. Dezember 2006 um genau 2:14 Uhr.
Kategorie : Wir
1 Kommentar Kommentar hinzufügen
1. Christoph | 26. Dezember 2006 um 0:32
Tag 2 der Festlichkeiten und kein Ende des genannten Zwangs. Ja, auch bei uns wurde wieder der heilige Abend begangen.
“Muß ja auch sein”.
Aber man fragt sich doch jedes Mal danach, warum man sich das eigentlich jedes Jahr wieder antut. Weil die Jahre eben doch kürzer werden und man mit Mitte Zwanzig schon das Gefühl hat, dass einem die Zeit davonläuft?
Wäre nur nicht alles so furchtbar aufgesetzt, man könnt doch fast besinnlich werden. Aber weder die evangelische noch die katholische Kirche kann mit ihrem Gottesdienst eine Art Stimmung bieten.
Weihrauch stinkt einfach nur.
Und süßer die Glocken nie klingen, wenn Mutter und Vater sich wieder über Nichtigkeiten streiten? Man kann einfach die Uhr danach stellen, jedes Jahr wieder.
Am Morgen jedes 24.12. denkt man sich alle Jahre wieder:
“Dieses Mal wird es bestimmt schön, dieses Mal wird es besinnlich…”
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